Tag Archive | Weserburg Bremen

Hermine Anthoine, Untitled ’99

WB_Anthoine_Irene

(Bronze, Schmetterlingsflügel)

 

Blauer Falter
die Flügel einst gespannt
Himmelsfalter
im Flug vergeht die Zeit
Tagfalter
mit offenen Augen
die toten Brüder und Schwestern
Nachtfalter
es muss doch möglich sein
dem engen Raum zu entkommen
das Fenster im Blick
der Freiheit entgegen
gelandet auf dem Boden
der Zeit
Zitronenfalter flieh
es ist Bronzezeit
bleib Schmetterling bleib

Irene Rodewald
Oktober 2014

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„Wir alle fallen, diese Hand da fällt, es ist in allen“ R.M. Rilke

Wie in Herbstblattstürmen segeln sie zu Boden. Dort bleiben sie liegen, halb Blätterteppich, halb Blumenwiese. Mit schimmerndem Blau und Grün und Tarnbraun – und Punkten. Sie sehen heißt den Flügelschlag spüren, der nun verloren ist. Und den Flieder, der immer ein Stück zu weit über den Gartenzaun ragte. Mit der Holzbank darunter, schon grau geworden und voller Moos, auf der sie trotzdem immer saß.

Sie sterben, wenn man die Flügel anfasst und damit den Staub an den Fingern kleben hat, haben sie mir früher immer gesagt. Nun liegen sie alle hier und niemand denkt mehr an ihren Staub und wie leicht sie einreißen, die zarten Flügel. Borboletas, Schmetterlinge, verfangen in der Geschwindigkeit von Autos. Die, die noch als grüne und gelbe Wolken über dem Fluss tanzen, wissen nichts von der Gefährlichkeit der Straße. Hier interessiert es keinen und das schöne Wort verwischt in seinem Hall.

Im Sommer – war es wirklich Sommer? – tanzten sie immer über die lila Blüten, vor allem Zitronenfalter und Tigeraugen, d weiß ich noch. Die Katze auf der Lehne, nach ihnen haschend, erwischte doch nie einen. Und manchmal setzten sie sich auf Kopf oder Arm. Dan fächelten sie kurz, als wäre das ihr Art, die warmen Gemüter abzukühlen und blieben einige Zeit andächtig sitzen.

Es hat etwas paradox Beruhigendes, einen hektisch flatternden Schmetterling zu sehen, so wie einen Kolibri, weil deren Tempo alles Menschenmögliche übersteigt. Und einfach nur eine Zeitlang zu sehen. Durchatmen. Doch jetzt segeln sie zu Boden und bleiben liegen, halb Blätterteppich, halb Blumenwiese. Als sei ihr Winter gekommen, würde sie bald mit Schnee umschlingen und ihnen hoffentlich nicht alle Farben nehmen. Nur die Bank ist inzwischen morsch – und der Flieder kahl. Hier wird niemand mehr sitzen. Aber die Schmetterlinge werden sich einen anderen Flieder suchen, wenn wieder Sommer ist.

Johanna Schwarz

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