Tag Archive | Sprengel Museum

Niki de Saint Phalle: Tanz der Schlangen 1988

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Niki de Saint Phalle: Tanz der Schlangen 1988

 

Tanz der Schlangen
auf spiegelglattem Boden
Tanz der Farben
Tanz der Schönen,
der Göttinnen der Erde.

Veronika Kornberger

 

Fünf Schlangen. Winden sich. Bunt. Mit offenen Mündern, mit Augen, die starren. Sie tanzen um mich herum, während ich das Ritual vorbereite. Das Ritual im Raum der Spiegel. Barfuß und sicher bewege ich mich vorbei an ihren zuckenden Körpern. Sie schnappen nach meinen Waden, berühren mich mit Liebesbissen.

Lächelnd blicke ich auf sie herab. Bald- bald werdet ihr ein Opfer haben. Von ihm wird nichts übrig bleiben. Hier im Raum der Spiegel gilt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und der Stärkere gewinnt. Survival of the fittest. Eigentlich. Denn wir sind hier die Starken. In Stein gemeißelt. Ich tänzle weiter und entzünde die Kerzen mit den grünen Flammen. Bald wird sich der Raum füllen. Meine Schlangen werden den Bösewicht verschlingen.

Fünf Männer und fünf Frauen werden dabei sein. Ich blicke hinab auf die Schlangen. Sie können es kaum erwarten. Ich auch nicht. Ich ziehe meinen weißen Umhang an und erwarte meine Gäste.

Stephanie Mertens

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Niki de Saint Phalle: Heads of State Kennedy-Chrushtschow

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Niki de Saint Phalle: Heads of State Kennedy-Chrushtschow 1963

 

Ich bin die Macht,
Yin und Yan, Ost und West.
Ich trage die Welt auf meinen Schultern und lenke sie.
Mich kannst Du nicht besiegen.
Wer mir zu nahe kommt, geht in Flammen auf.
Ich habe alles auf dem Altar der Macht geopfert.
Die Weichheit einer Umarmung kann ich nicht mehr spüren – und ich stehe dazu.
Ich habe mir die Hände schmutzig gemacht. In Blut gebadet.
Und Du Heuchler schaust betreten zur Seite und willst von Nichts gewusst haben?

Elke Müller

 

Die doppelköpfige Gestalt ist wie aus Feuer hervorgetreten, rötlich umschimmert.
Die Arme gestaltet aus Raketen, Kampfflugzeugen und Maschinenpistolen.
In der rechten Hand etwas wie eine Geißel.
Ein Militärgürtel aus Soldaten mit Lanzen, Schwertern und Schildern presst etwas in die wulstigen Hosenbeine.
Hinab gleiten ganz kleine Kinder aus all der zur Schau gestellten Brutalität.
In den doppelten Gesichtern sitzt ein überhebliches Grinsen.
So sieht Niki die Situation, gespalten und bedroht in eine Welt der freien Demokratie und eine des totalitär aufgezwungenen Kommunismus.
Es erscheint so, als würden sie sich gegenseitig umarmen.

Tilmann Mühl

Niki de Saint Phalle: Nana

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Niki de Saint Phalle: Nana / Gwenolyn 1, 1965

 

Nana
Tausend Mädchen und tausend Jungen
hast du im Bauch getragen,
zur Welt gebracht,
an deinen Brüsten genährt.
Sie strotzen vor Kraft und Gesundheit.

Aber du, Nana,
was putzt du dich heraus wie ein Clown?
Nehmen dich die Männer ernst,
die Waffen horten Waffen, die Welt zu zerstören?

Veronika Kornberger

 

Gesichtslos und schwanger demonstriert Gwendolyn pure Weiblichkeit. Ausgeprägte Rundungen getragen mit Mut, Kraft und Stärke. Mit einem Arm und einem Bein. Anklage an jeden Magersüchtigen. Aufgerichtet zu voller Größe. Zeichnet von sich ein buntes Bild. Seht her, ich bin wie ich bin. Trage, was ich will. Blumig, streifig, gepunktet, geschnörkelt. Eine Patchworkfrau eben.

Stephanie Mertens

Niki de Saint Phalle: Berliner Drache 1963

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Niki de Saint Phalle: Berliner Drache, 1963

 

Drache,
wende den Kopf
sieh mich an,
wenn ich dich richte
für die verlorene Zukunft,
die gestorbenen Adern
in meinem Leib,
die du nicht retten wirst.
Nicht mit grünem und rotem Blute,
das du über alles vergießt,
was du verschlingen kannst.
Sieh mich an, Drache,
wenn ich dich richte.

Lisa Barth

Niki de Saint Phalle: Broken Plates 1958

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Niki de Saint Phalle: Broken Plates 1958

Ich bin der Mittelpunkt der Welt. Das Symbol für Weiblichkeit und Mütterlichkeit. Hier im Zentrum kann der müde Held neue Kraft schöpfen, um dann männlich dominant neue Abenteuer in der Welt zu erleben. Doch nun ist alles zerschlagen. Nichts passt mehr zueinander. Du kannst die Teile nicht mehr hübsch brav zusammengerückt in dunkle Schränke stellen. Sie rufen: Wir sind Scherben; wir sind unnütz. An unseren scharfen Kanten kannst Du jederzeit Dein Leben beenden. Wir schicken Dich raus in die Welt und sind ab sofort unser eigener Trost.

Elke Müller 17.11.2012

Da sind sie versammelt,
die zerbrochenen Teller,
aus Porzellan, Keramik und Glas,
da sind sie versammelt
aus den Wohnungen, die ich hatte,
von den Orten, die kein Zuhause waren.
Da sind sie versammelt,
die zerbrochenen Teller.

Veronika Kornberger

Sie schloss die Tür hinter sich.
Die Stille des Morgens umfing sie und trug sie die Straße entlang.
Der Finger blutete noch in das Taschentuch.
Sie spürte die Wärme in die Manteltasche pulsen.
Sie folgte diesem Rhythmus mit ihren Schritten.
Bald würde das Blut versiegen, doch sie würde weiterlaufen.
Wenn der Schnitt längst verheilt wäre, eine dünnen weiße Linie die Haut zerteilte für die nächsten Jähre und die Sonne die Narbe dunkler färbte, würde sie weiterlaufen.
Einen Schritt vor den anderen setzen.
Bis die zerschundene Vergangenheit ihr letztes Teil in unlösbarem Beton versenkt hatte.

Lisa Barth

 

We´re  building it up, to break it back down. Linkin Park. Unverkennbar. Ständig im Radio. So auch in diesem Moment. Meine Augen weiten sich. Verengen sich wieder. Mein Atem wird schneller, ja, zusammengefügt und auseinander gerissen. Getöpfert, gebrannt. Dann geworfen, zerschmissen. Gesplittert, gebrochen. Zerstreut in alle Richtungen. Am liebsten Küchengeschirr, so springen die Fliesen gleich mit. Scherben aus blau und weiß. Denn in die Küche gehört blau-weiß. Friesisch. Oder Zwiebelmuster. Auch blau-wie. Bildet hier den Mittelpunkt.

Ich balle die Fäuste, Hitze steigt in mir auf. Meine aufkeimende Wut ergeht sich in meinem Geschirr. Wirble um die eigene Achse, um in alle Richtungen zu werfen. Zu schmeissen. Das gute, alte Blumengeschirr von Oma. Egal. Es muß dran glauben.
Reiße den nächsten Schrank auf. Mit einem Arm schiebe ich die Dessertschalen zu Boden.
Kann mich gar nicht beruhigen. Erst als es leise „pling“ macht und die graue Uhr auf Zwei stehen bleibt, zwinge ich mich zur Ruhe. Blinzle. Versuche einen tiefen Atemzug. Das Lied ist zu Ende. Die letzten Töne.

Sinke auf die Knie. Beginne zu weinen, erst leise, dann lauter, wie Bäche stürzen die Tränen aus meinen Augen. Meine Lippen beben. Ich stütze mich mit einer Hand auf. Schneide mich an einer Scherbe und ein kreisrunder Blutstropfen mischt sich zwischen die Splitter aus Porzellan.

Langsam erhebe ich mich und betrachte das Chaos des Inhalts meiner Küchenschränke.
Ich atme tief und durch und verhindere neuerliches Weinen. Bleibe mittendrin stehen und meine Augen füllen sich doch wieder mit Tränen. Ich blinzle erneut.
Aus den Scherben bilden sich Puzzleteile, die ich wieder zusammensetzen kann.

Schön wäre es. Ich löse mich, befreie mich aus meiner Küche  – und … und hole einen Besen.

Stephanie Mertens

Niki de Saint Phalle: Rosa Akt mit Drachen 1956-58

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Niki de Saint Phalle: Rosa Akt mit Drachen 1956-58

Ich bin der Mittelpunkt der Welt.
Mein Unterleib hat den Drachen gezähmt.
Ich stoße den Rauch aus und alle Anspannung weg.
Berge, Vulkane und Planeten können wir durchwandern und landen doch bei uns.
Mit den Stacheln und Steinen forme ich das Wort: Drachenbezwingerin und folge Dir ins Paradies. Durch die Jahrhunderte sind wir gezogen und ich erkenne in Dir den Staub der ersten Sterne. La Luna beißt mir in die Achillesferse und färbt mich rosa.

Elke Müller 17.11.2012

Schwarz. Nacht. Tiefdunkle schwarze Nacht. Nur ich unbekleidet, rosa Haut. Bestrahlt vom Mondlicht. Vom vollen Mond. Sichtbare Krater. Ich brenne, Rauch steigt auf. Vermischt sich mit der Aura des Mondes. Blicke skeptisch, nehme Wasser wahr. Seesterne. Pflanzen. Fische. Muscheln. Mein Mund verzieht sich. Blicke mich weiter um. Helle Berge, Krater, Seen. Dazwischen grün. Geröll, Gestein, Kies fliegen in meine Richtung.

Wind kommt auf. Verwirbelungen. Ströme. Schwarz. Tiefdunkle schwarze Nacht. Schwarzer Himmel. Werfe meine Mähne zurück. Haare schimmern im Mondlicht. Nehme Bewegungen wahr. Er nähert sich. Mein Beschützer. Windet sich durch die Nacht. Verscheucht die Schlagen. Beschützt mich. Gab ihm Essen. Von klein auf. Frisst mir aus der Hand. Bleibt bei – in dieser tiefdunklen schwarzen Nacht.

Stephanie Mertens

Drachenblut
Bedecke meinen Körper ganz
Umfahre die
Haare, Zehen, Augen
Fülle jede Pore
Entferne die Lindenblätter
Kein Kreuz soll gestickt werden können
Lass mich baden in dir
Bis ich aus dir steige
Mit einer Haut nur
Und einer Hand
Dem dunklen Mond entgegen
In rosa und blau.

Lisa Barth

Wohin mit dem Drachen?
Was aber soll ich mit dir anfangen?
Du liest mir jeden Wunsch von den Augen ab.
Solange nicht ein Feuer bei dir ausbricht,
bist du das sanfteste Wesen, das ich kenne.
Wir können versuchen, zusammenzuleben.
Du weißt, man hat mich tätlich angegriffen.
Ein Drache als Leibwächter würde mir schon gefallen.

Veronika Kornberger

Niki de Saint Phalle: Autoportrait 1958/1959

Niki de Saint Phalle: Autoportrait 1958/1959

Du siehst mich an.
Schlimm, was?
Wo ich auch stehe!
Um mich wie Explosionen.
Oder wie weißes Feuerwerk.
Glimmendes rieselt mir auf den Kopf, spritzt mir auf die bloßen Hände.
So ist es, das Leben.
Aber ich schaffe mir Raum als einziges farbiges Teil von ihm.
In meinem weißen Schultertuch halte ich den Kopf aufrecht.
Mein Gesicht gezeichnet von Sorgen und Tränen.
Aber sieh, mein kostbar besetztes Gewand aus all den überstandenen Scherben.
Und die Energie in meiner Brust.
Ich kann der Unberechenbarkeit etwas entgegensetzen.
Gerufen und entschlossen zu sein.
Tilmann Mühl

Du siehst mich an
und ich stelle mich Deinem Blick.
Schön, dass Du da bist und meine Werke betrachtest.
Komme wieder, komme immer wieder.
Ich werde da sein.
Elke Müller
18.11.2012