Tag Archive | Lyrik

Schwarzer Samt mein Morgen

Die Lyrikerin Renate Meckel ist tot. Seit Beginn der Schreibwerkstatt vor mehr als sechs Jahren war sie ein fester Bestandteil, hat uns jeden Monat mit ihren Gedichten atemlos zuhören lassen. Nun ist sie ihrem Krebsleiden erlegen – und wir trauern um sie.

Ihre Gedichte gehören zu den spannendsten, tiefgründigsten und wortgewaltigsten, die ich jemals lesen und hören durfte. Zeitgleich mit ihrem Tod erschien ein Gedichtband mit mehr als 300 Gedichten von ihr.

Schwarzer Samt mein Morgen

um meine schwankende
Gestalt blüht
weißer Schleier des Vergessens

barfuß
tanze ich
auf dem glänzenden Fell einer
Ziege

Renate Meckel Titel

Canto Verlag: ISBN 378-3-936255-40-0

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Hermine Anthoine, Untitled ’99

WB_Anthoine_Irene

(Bronze, Schmetterlingsflügel)

 

Blauer Falter
die Flügel einst gespannt
Himmelsfalter
im Flug vergeht die Zeit
Tagfalter
mit offenen Augen
die toten Brüder und Schwestern
Nachtfalter
es muss doch möglich sein
dem engen Raum zu entkommen
das Fenster im Blick
der Freiheit entgegen
gelandet auf dem Boden
der Zeit
Zitronenfalter flieh
es ist Bronzezeit
bleib Schmetterling bleib

Irene Rodewald
Oktober 2014

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„Wir alle fallen, diese Hand da fällt, es ist in allen“ R.M. Rilke

Wie in Herbstblattstürmen segeln sie zu Boden. Dort bleiben sie liegen, halb Blätterteppich, halb Blumenwiese. Mit schimmerndem Blau und Grün und Tarnbraun – und Punkten. Sie sehen heißt den Flügelschlag spüren, der nun verloren ist. Und den Flieder, der immer ein Stück zu weit über den Gartenzaun ragte. Mit der Holzbank darunter, schon grau geworden und voller Moos, auf der sie trotzdem immer saß.

Sie sterben, wenn man die Flügel anfasst und damit den Staub an den Fingern kleben hat, haben sie mir früher immer gesagt. Nun liegen sie alle hier und niemand denkt mehr an ihren Staub und wie leicht sie einreißen, die zarten Flügel. Borboletas, Schmetterlinge, verfangen in der Geschwindigkeit von Autos. Die, die noch als grüne und gelbe Wolken über dem Fluss tanzen, wissen nichts von der Gefährlichkeit der Straße. Hier interessiert es keinen und das schöne Wort verwischt in seinem Hall.

Im Sommer – war es wirklich Sommer? – tanzten sie immer über die lila Blüten, vor allem Zitronenfalter und Tigeraugen, d weiß ich noch. Die Katze auf der Lehne, nach ihnen haschend, erwischte doch nie einen. Und manchmal setzten sie sich auf Kopf oder Arm. Dan fächelten sie kurz, als wäre das ihr Art, die warmen Gemüter abzukühlen und blieben einige Zeit andächtig sitzen.

Es hat etwas paradox Beruhigendes, einen hektisch flatternden Schmetterling zu sehen, so wie einen Kolibri, weil deren Tempo alles Menschenmögliche übersteigt. Und einfach nur eine Zeitlang zu sehen. Durchatmen. Doch jetzt segeln sie zu Boden und bleiben liegen, halb Blätterteppich, halb Blumenwiese. Als sei ihr Winter gekommen, würde sie bald mit Schnee umschlingen und ihnen hoffentlich nicht alle Farben nehmen. Nur die Bank ist inzwischen morsch – und der Flieder kahl. Hier wird niemand mehr sitzen. Aber die Schmetterlinge werden sich einen anderen Flieder suchen, wenn wieder Sommer ist.

Johanna Schwarz

Max Beckmann: Mann im Dunkeln

Max Beckmann_Mann im Dunkeln

 

Mein Nachtlied
schicke ich dir,
Liebste,
damit es in
deinen Ohren singt
wenn Schatten
durch Haut und
Federn nagen
und der
Meeresgott
seine Seufzer
schickt
um dich zu
entblößen und
deine Nackheit
dir gefriert
Knochen für
Knochen
Arm für Arm
Mund um Auge
in den Fluten
zerberstend
die mir hier
entgegenschlagen
an meinen Röcken
zerren und
mich erblinden
lassen.

Höre mein Nachtlied,
Liebste,
damit es dich
durch die Zeiten trägt
während ich es
dir
zum Abschied summe
hier
für allezeit

Lisa Barth

Georges Lacombe: Maria Magdalena

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MARIA MAGDALENA

Sie liebt ihn,
weil Er sie liebt.
Sie weiß Ihn dort
an jenem Ort des Schweigens.
Und sehnsuchtsverzehrt
nach Seiner Nähe
verbrennt ihr Herz,
entflammt in Liebe,
die nichts will
als nur verschmelzen da,
wo ihre stummen Blicke
sich vereinen.
Nichts zählt mehr,
wenn diese Liebesströme
sich durchdringen.
Und – gleich der Hostie –
verwandelt sich ihr Leib
in reinen Geist.
Des Herzens Brennen:
Seelensehnen,
glücksel’ges Ahnen
des, was hie noch
trüb verschleiert,
dereinst im wahren Strahlen
für ewig sich wird offenbaren.

Raphaela

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Fritz Mackensen: Der Säugling

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MOORMADONNA (1)

Mein Kind.
Du und ich.
Wir.
Geschlossenen Auges
Strömt still Kraft
Von mir zu dir.
Wirst bald doch entwachsen
Dem innigen Einssein,
Vergessen dies Paradies.
Nimm mit dann die Liebe,
Die heut mir entfließt.

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August Macke „Russisches Ballett“


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Abgang mit Applaus

Du Schuft! Hoch und heilig hattest du mir versprochen,
sie nie wieder sehen zu wollen. Und ich habe dir geglaubt.
Dabei siehst du sie nicht nur, sondern spürst sie auch noch.
Und das vor all den Leuten.
Deine lächerliche Maskerade wird nur noch von ihrer vorgeblichen
Hingabe übertroffen.
Und das soll Kunst sein? Dieses alberne Getrippel auf den Zehenspitzen?
Beleuchter am Theater seiest du, hast du mir gesagt.
Ich sehe nur einen erbärmlichen Armleuchter.
Und eine Leuchte scheint sie auch nicht zu sein, was man so hört.
Wie ich mich Dir hingegeben habe, meinen Körper dir geschenkt.
Das Letzte was du nun noch von mir geschenkt bekommst, ist der Laufpass.
Und als letzten Akt deinen Koffer. Er wird mein Applaus für dein Schmierentheater sein.
Direkt vor deine Füße werde ich ihn dir werfen. Stürzest du dabei in den Orchestergraben, hätte dein Auftritt wenigstens noch ein Happy End –
für mich.
JHanik

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Adolf Luther: Hohlspiegelobjekt, 1967

 

Lutter 

Konvex- und Konkavspiegel, mit Gummipfropfen auf Plexiglasscheibe montiert, in Plexiglaskasten
153 x 153 x 11,5 cm, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen

Ich sehe mich an

und breche aus
kopfunter hänge ich
im Torso
leuchtend rot
von Fremden durchlaufen
kurz ruht mein Blick
im Silber
dann bricht erneut
der Schein
zersplittert meinen Körper
hundertfach
in neue Welten

Lisa Barth

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Max Beckmann: Die Dame im grauen Capuchon

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*Erkennungszeichen ~ Reclam*
Nun warte ich schon den dritten Tag ~
wage nicht meinen Capuchon abzulegen.
Ich spreche mit niemanden und bin
voller Spannung …
bereit zum sofortigen Aufbruch,
bereit zur Flucht und ohne Gepäck.
Diamanten und Edelsteine all meiner
Verwandten sind im Pelz eingenäht,
Gulden, engliche Pund und Dollar
verbergen sich in breiten Säumen.
Äußerlich darf ich nicht auffallen ~
alles soll so ausschauen als wäre ich hier
nur für einen Kaffee und eine kurze Zeit
des Lesens.
Aber ich bin bereit für die lange Reise
über den großen Teich ~ Weiterlesen …

Jules Pascin: Die beiden Schwestern

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Das Tannengesteck auf dem Tisch offenbart die Jahreszeit: es ist Advent.
Wieder einmal haben sie sich zum traditionellen Stollenessen verabredet.
Noch nie ist das Treffen ausgefallen und noch nie waren sich beide so sicher: dieses wird ihr letztes adventliches Beisammensein sein.
Der Blick in die Flamme lässt Lenchen, die jüngere der beiden Schwestern, nachdenklich werden. „Sie haben noch ca. ein Jahr, genießen sie es.“
Die Worte des Professors fahren in ihrem Kopf Karussell.
Wie sollte sie es ihrer geliebten Schwester mitteilen, die doch gerade so ganz andere Ziele verfolgte?
Ja, Singapur wird es sein, das hatte Mira ihr geschrieben, nachdem sie über zwei Jahre auf der Suche nach einem neuen Zuhause gewesen war.
Ein gemeinsamer Blick in die Kerze, die Flamme zuckt und züngelt, lodert auf, es knistert, sie droht zu erlöschen, doch wie durch ein Wunder erhebt sie sich wieder, wird stärker und nährt die Hoffnung auf ein Wiedersehen.
Vielleicht in Singapur?
Aber gibt es dort Advent?

Irene Rodewald, Dezember 2012

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