Tag Archive | Kunsthalle Bremen

Max Beckmann: Mann im Dunkeln

Max Beckmann_Mann im Dunkeln

 

Mein Nachtlied
schicke ich dir,
Liebste,
damit es in
deinen Ohren singt
wenn Schatten
durch Haut und
Federn nagen
und der
Meeresgott
seine Seufzer
schickt
um dich zu
entblößen und
deine Nackheit
dir gefriert
Knochen für
Knochen
Arm für Arm
Mund um Auge
in den Fluten
zerberstend
die mir hier
entgegenschlagen
an meinen Röcken
zerren und
mich erblinden
lassen.

Höre mein Nachtlied,
Liebste,
damit es dich
durch die Zeiten trägt
während ich es
dir
zum Abschied summe
hier
für allezeit

Lisa Barth

Dominique Papety: Die Villa…

Dominique Papety Die Villa Raffaels in Rom

Fragment eines Daseins

Es tönt mir weit
in den Ohren
legen sich
Sandflocken
auf meine Glieder
wage nicht
mich zu rühren
sehe durch die
Lider meiner Augen
schwach die Haut
papieren die Knochen
das Eisen erkaltet

In meiner Leere ist
kein etwas

Hier warte
und schweige ich
über den Schrecken
dass mit dem Tod
nichts geht sondern
hier bleibt
festgehalten
erkaltet

Ich bin
außerhalb
der Leere
mit
Knochen
und
Haut
und

Lisa Barth

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Die Urlaubsreise

Endlich Urlaub! Monatelang habe ich mich auf diesen Tag und die darauffolgenden zwei Wochen gefreut. Es ist Sommer – Mitte August und ich stehe mit meinem Koffer in der Einfahrt zum Hotel und blicke sehnsüchtig auf die Villa, die mich die nächsten vierzehn Tage beherbergen wird. Erschöpft von der Anreise und der Hitze des Tages aber dennoch innerlich freudig angespannt bleibe ich einige Minuten unter einer Trauerweide stehen. Der Schatten tut gut. Was mich wohl erwarten wird? Das Hotelprospekt hat gediegenen Luxus versprochen. Eine Künstlerherberge – damals wie heute.

Bereits letztes Jahr hatte ich diesen Urlaub gebucht. Eine Schreibreise, die den Spuren Raffaels nachgehen soll, war im Flyer angekündigt worden – ganz nach meinem Geschmack. Zu welchen Texten mich wohl die Villa und ihre Umgebung inspirieren wird?

Es ist sehr still. Keine Geräusche dringen aus dem Haus. Selbst hier draußen hört man nichts. Kein Vogelgezwitscher, keine Straßengeräusche. Die Villa liegt weit abgelegen vom Zentrum Rom’s. In der Ferne sehe ich die Kuppel vom Petersdom. Überall verteilt in der Gegend Zypressen im satten dunklen Grün. Wie herrlich!

Mein Blick geht wieder hin zur Villa. Alle Rolläden sind heruntergelassen. Ich schaue auf die Uhr: Der Zeiger steht auf Zwölf. Es ist Mittagszeit – Ruhezeit. Ich nehme meinen Koffer in die Hand und gehe die Auffahrt hoch. Der Kies knirscht unter meinen Füßen. Die Sonne brennt mir auf den Kopf und ich sehne mich nach einer kalten Limonade. Gleich werde ich in die Villa eintreten und an der Rezeption die Anmeldeformalitäten erledigen. Danach werde ich meinen Zimmerschlüssel erhalten und endlich auf mein Zimmer gehen können. Die Vorstellung von einer erfrischenden Dusche und dem kühlen Leinen der Bettdecke lassen meine Schritte schneller werden. Während ich auf die Villa zugehe schaue ich an der Fassade des historischen Gebäudes hoch. Farbe blättert von den Wänden. Mein Blick wandert weiter bis zum Obergeschoss. Irgendetwas stört mich plötzlich. Was ist es nur? Mir wird bewusst, dass alles etwas verwahrlost wirkt. Nun ja, es ist ja auch schon ein altes Gebäude, beruhige ich mich und gehe nun mit eiligen Schritten die letzten Meter zur Eingangstür. Ich sehe, dass dort ein Schild angeschlagen ist. Wahrscheinlich Informationen zum Haus. Endlich stehe ich davor und habe bereits die Türklinke in der Hand als ich ungläubig die Zeilen auf dem Aushang lese:

„Wegen Bauarbeiten geschlossen!“

S.M.

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Guten Morgen !

 

Da hat mich doch die Sonne geweckt. Noch kein Mensch wach, also auch kein Frühstück und der Wassernapf ist auch leer. Aber gähnen und recken und faul herumliegen auf meiner Decke, dass ist ja auch nicht schlecht.
Na klar, auf meiner Decke, warum auch nicht dazu habe ich sie ja schließlich und schön weich ist sie auch.
Ach so, richtig, ich könnte mich vorstellen, ich bin Raffael. Nein, nein, ich male nicht, denn ich bin der Hund des Hauses. Sie haben mich nach Raffael genannt einem Maler, der hier einmal gewohnt haben soll. Aber den Maler kenne ich nicht.
Ah, da höre ich jemanden, meist kommt sie als Erste. Richtig da ist sie schon die Frau, die oft in der Küche ist und Renata gerufen wird. Ich schiebe ihr den Wassernapf vor die Füße.
„Hallo Raffa“, begrüßt sie mich.
Ich wedele mit dem Schwanz als die mir Wasser gibt.
Renata macht sich in der Küche ans Werk. Sie kocht Kaffee, brät Eier, schneidet Brot, presst Orangen zu Saft.
Nach dem Wasser habe ich mich erstmal wieder auf die Decke in meinem Körbchen gelegt.
Wie bestellt erscheint Herrchen Guido, als das Frühstück auf dem Tisch der Wohnküche steht und Renata gerade schaut, ob sie etwas vergessen hat.
Ich finde Renata hat etwas ganz wichtiges vergessen. Sie hätte mir mal einen von den leckeren Keksen geben können, die mit dem Wurstgeschmack. Die kriege ich viel zu selten und das ärgert mich.
Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte auf den Tisch zu und knurre. Herrchen wirft mir einen missbilligenden Blick zu. Ich setzte mich und mache so freundlich ich kann Männchen. Als mich keiner beachtet belle ich.
„Ruhig, Raffael“, schimpft der Hausherr.
Ich stelle mich auf alle vier Pfoten und schleiche davon, so etwas dummes kein Keks.

Bald verlässt Guido das Haus. Ich lieg ein meinem Körbchen und bin immer noch beleidigt.
Die kleine Tochter Estella wird von Renata nach unten geholt.
Wir mögen uns sehr Estella und ich. Estella hat wunderbare schwarze Locke, genau wie ich. Na gut, die von Estella sind ein wenig länger und auch etwas weicher und außerdem habe ich keine rote Schleife.
Während Estella frühstückt, geht die Mutter nach oben, um sich um die Schlafzimmer zu kümmern. „Esse schön weiter, ich komme gleich wieder“, ruft sie der Tochter noch zu.
Estella nimmt lustlos noch einen Bissen, rutscht vom Stuhl, sieht die offene Küchentür, die den Weg zum Garten frei gibt und läuft hinaus. Estella mag das Wasser und sie läuft zum Gartenteich. Sie kniet sich auf die Begrenzungssteine und schaut nach den Goldfischen im Teich.
„Komm Raffa, sieh nur“, ruft sie.
Na, gut, dann will ich den Schmollwinkel mal verlassen, sie kann ja nichts dafür, dass es keine Kekse für mich gibt. Ich trotte Richtung Tür. Dort angekommen ziehe ich das rechte Bein hoch und kratze mich hinter dem Ohr, diese Fliegen und dann noch so viele. Ich setze mich auf die Türschwelle und blinzele in die Sonne. Ich sehe wie Estella im Teich nach den Fischen schaut. Sie gluckst vor vergnügen, wenn ein Schmetterling vorbeikommt.
Sie hat Spaß, denke ich, lege den Kopf auf die Vorderpfoten und bin grade so fast eingedöst.
Ein heller, gellender Schrei, lässt mich erschrocken aufspringen. Erst mal bellen, dass ist immer gut, aber was ist eigentlich los.
Estella, wo ist sie? Estella im Teich mit dem Gesicht nach unten, das kann nicht gut sein. Laut bellend bin ich mit einigen Sätzen im Teich. Ich packe ganz vorsichtig den Knöchel des Kindes, bloß nicht zu fest. Ich kann Estella aber nur bis an den Rand ziehen. Ich springe aus dem Wasser, wieder belle ich so kaut ich kann. Kurz glaube ich den Schatten von Renata zu sehen. Ich verbeiße mich ganz vorsichtig in Estellas hübsches Kleid und ziehe was ich kann. Estella hebt sich ein wenig, aber ich bekomme sie nicht über den Rand. Ich hole tief Luft, jetzt nur nicht aufgeben. Ich ziehe noch einmal so fest ich kann. Und endlich es ist geschafft. Jetzt sehe ich, dass Renata dazugekommen ist und mitgeholfen hat.
Estella meine Kleine, jammert die Mutter und versucht das Kind zu beatmen.
Ich lege mich schnaufend ins Gras und warte. Oh, nein, irgendetwas war nicht so gut. Nach einer Weile hustet Estella ganz furchtbar und dann spuckt sie auch noch Wasser. Entsetzt robbe ich en wenig zurück.
Renata umarmt das Kind und weint. „Wie geht es dir, Estella, sag doch bitte was“, ruft sie bittend.
Estella schaut die Mutter an. „Geht schon wieder“, meint sie tapfer und lächelt. Die Mutter nimmt das Kind auf den Arm. „Das ist ja gerade noch mal gut gegangen“, seufzt sie dankbar. Damit verschwinden die beiden im Haus.
„Und ich“, denke ich. „Was ist mit mir.“  Dann stelle ich mich auf die Pfoten, trotte ins Haus auf meine Decke und döse müde von meinen Taten ein.
Irgendwann weckt mich eine stürmische Umarmung. Es ist Estella, inzwischen wieder sauber und trocken.
Renata streichelt mich und sagt: “Raffa, mein guter, du bist unser Held.“
Und dann servieren mir die beiden ein Superfrühstück. Mehr Wurstsorten habe ich noch nie gesehen und in großer leckerer Knochen ist auch dabei. Das ist eine große Freunde!

Bärbel Richling, April 2014 

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Freundschaftliche Bauhelfer

In der Gebrauchsanleitung „mie casa“ stand nur lapidar: Nach Fertigstellung des Fundaments setzen sie die einzelnen Quader in der Reihenfolge ihrer fortlaufenden Nummerierung in- und aneinander. Das schien mir verständlich und umsetzbar – auch mir, der ich sonst einen Nagel nicht von einer Schraube zu unterscheiden weiß. Ich muss allerdings gestehen, dass das Ergebnis meiner baulichen Aktivitäten einer kritischen fachmännischen Begutachtung wohl nicht standzuhalten in der Lage wäre. Optimisten würden von einer großzügigen Raumgestaltung sprechen. Zugegeben – auch mir erschienen allein die Ausmaße meiner Empfangshalle arg überdimensioniert. Sie erinnerten doch sehr an die stazione centrale in Rom. Diese Bahnhofshalle könnte für mein Haus Pate gestanden haben. Zunächst erschien es mir nicht recht greif- und erfassbar, weshalb mich die Empfangshalle meines Traumhauses so in Irritation versetzte. Aber als ich die oberen Räumlichkeiten besichtigen wollte, machte diese Irritation ungläubigem Erstaunen Platz. Wo ich den Aufgang erwartete – gähnende Leere. Ein Bauteil fehlte. Eine Empfangshalle in einem mehrstöckigen Haus ohne Treppenaufgang! Ursachenforschung! Wir hatten doch streng nach Bauplan gearbeitet. Meinem hilfsbereiten Freund Lancelot-Theodore waren während der verschiedenen Bauphasen auch keine Bedenken gekommen oder bauliche Absonderheiten aufgefallen. Zunächst wollte ich ihn zu Rate ziehen. Aber er würde sicherlich auch noch nebenan mit seinem Neubau beschäftigt sein. Diesen hatte er noch während meiner Bauphase auf seinem Grundstück begonnen. Ein für uns alle überraschender spontaner Hausbau. Sein Gebäude – sehr schlicht, bescheiden, geradezu spartanisch. Nur ein einziger Wohnraum. Merkwürdig nur – führte doch in seinem eingeschossigen Haus ein großzügiger Treppenaufgang nach oben – ins Nichts! Es schien ganz so, als ob das Fundament unserer Freundschaft einige Risse bekommen hatte.

JHanik

 

Maurice Utrillo: Kirche in Villetaneuse

Maurice Utrillo_Kirche in Villetaneuse

 

Jetzt lag die Straße leer da. Die Bewohner der Kleinstadt ruhten vom Mittagessen aus. Es war schwül, höchste Zeit, dass ein Gewitter die Luft reinwusch. In der Ägidius-Kirche saß Don Alfredo in seinem Beichtstuhl und döste. Ob heute noch ein Sünder kam und ihn mit schmutzigen Geschichten versorgte?
Die Kirchentür knarrte. Don Alfredo hörte Schritte.  Er zog den Vorhang des Beichtstuhls vorsichtig zur Seite, nur einen Spalt weit. Er sah zwei Männer, dunkel gekleidet, sie kamen langsam auf ihn zu. Der Größere trug einen Sack, ein länglicher Gegenstand zeichnete sich ab. Vor dem Seitenaltar, wenige Meter vom Beichtstuhl entfernt, blieben sie stehen. Der Kleinere griff nach der Jungfrau Maria, umfasste Brust und Rücken, der Andere zog aus dem Sack ein Beil hervor und hieb auf den Sockel der Jungfrau ein. Mit wenigen Schlägen löste er Maria aus der Verankerung und hielt den Sack auf, während der Kleinere unter Stöhnen die Figur hineingleiten ließ.
Don Alfredo merkte, dass ihm der Schweiß über Gesicht und Rücken lief. Jetzt galt es, Maria zu retten. Er setzte zu einem Schrei an. „In Gottes Namen, versündigen Sie sich nicht!“, wollte er rufen.
Stattdessen sank er wie gelähmt in sich zusammen und blieb stumm.
Der Große wuchtete den Sack auf seine Schulter; unauffällig, wie sie gekommen waren, verschwanden sie.
Was aber sollte Don Alfredo seiner Gemeinde erzählen? Alle wussten doch, dass er um diese Zeit im Beichtstuhl saß!

H.S.

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Den Tag über hatte die Kirche in der Sonne geschwitzt. Die Hitze der Straße war bis hoch ins Gebälk gestiegen und legte ein Gewand auf die Glocken, das nach Staub und Stein und Bronze roch.
Als sich der Abend auf das Dach niedersenkte, begann das Gebälk zu sprechen. In tiefen Tönen zog und drückte es gegeneinander und blieb nur unerhört, während die Glocken nach Regelmäßigkeit riefen.
Die Luft kühlte sich ab und die Fenster ächzten im Rahmen, die Ziegel an den Wänden und in den Mauern stöhnten. Noch immer staute sich die Hitze unter dem Dach. Die Holzstufen schwiegen resigniert und die Glocken hingen tonlos im Turm.  Weiterlesen…

Arnold Böcklin: Der Abenteurer, 1882

abenteurer

Vorwärts

Vorwärts immer vorwärts
erhobenen Hauptes
dem Ziel entgegen
mehr mehr mehr
das Pferd antreibend
nicht sehen wollen die Gefahr
zertretend die Knochen
zersplittern die Schädel

vorwärts immer weiter vorwärts
erhobenen Hauptes
den Blick nach vorn
zermalmend die Rippen
was bleibt vom tapfren Rittersmann
wenn im Kampf er fällt
mehr mehr mehr
mehr Tote mehr Leid
was ich nicht sehe
gibt es nicht

vorwärts vorwärts vorwärts
ach gäbe es doch ein Boot
so würd ich segeln zur Insel
von der Schuld
mich waschen rein
mehr mehr mehr
nein weg mit diesem Wunsch
er darf nicht sein
ein Rittersmann niemals hat Angst
vorwärts vorwärts vorwärts
mehr mehr mehr

Irene Rodewald

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Nun sitz ich hier, der edle Don Quijote in aufrechter Haltung
geht auch nicht anders in diesem blechernen Harnisch –
habe mein Heimatland und treuen Diener verlassen
um allein die Welt zu erobern –

Vermisse schon jetzt die Windmühlen
mit deren Flügeln ich so vortrefflich kämpfen konnte –
schaue um mich und sehe nur Wasser, unendlich viel Wasser,
macht mir keine gute Laune, denn schwimmen kann ich nicht –
und das Segelboot benutzen ist nicht ratsam,
da mein geliebter Gaul nicht seefest ist .

Ich schaue rechts, ich schaue links und wieder rechts
und ….sehe nichts – nein gar nichts –
da sind keine Krieger zu sehen
denen ich einmal zeigen könnte, was ein richtiger Kämpfer ist.

Was nun –
Rosinante die getreue vierbeinige Partnerin meiner unerschrockenen Kämpfe,
senkt ihren Kopf und schaut schockiert auf die ausgebleichten Überreste
ehemaliger Besucher dieses Strandes –
sie weigert sich, weiter zu gehen
und ich sitze immer noch aufrecht und schaue nach rechts –

sehne mich nach meinem Zuhause
wo man mich kennt und von mir nicht erwartet
Taten zu vollbringen, die Knochen in dieser Form hinterlassen –
wie komme ich bloß wieder in das Land meiner so viel besungenen Heldentaten?

Eva Otterstedt

 

Ernst Ludwig Kirchner: „Straßenszene bei Nacht“

Kirchner Straßenszene

Frau in Lila mit rotem Hut
sieht nicht die Figur zwischen dem Mann mit dunkel blauen Zylinder
und rothaariger Frau mit Regenschirm und blau-grüner Kopfbedeckung

Männer mit Kleidung in Blautönen
machen eine Pause
und sprechen miteinander

Auto mit rot-lila Felgen
überquert die mittelblaue Farbe
und versucht, die dunkelblaue Linie zu überfahren

Menschen in verschiedenen Farbnuancen
stehen und bewegen sich
vor rosa leuchtenden Fenstern

Werbetafeln in bunter Vielfalt
in lila-rosa-grün   rot-rose   rot-blau-gelb-rotgelb   und   blau-rot-rose
werben für die Freuden des Lebens, besonders für ein Variete

Sterne leuchten rosa am blauen Himmelszelt
sie strahlen friedlich in die Nacht
und versuchen, die Stadt mit ihrem Schein zu erhellen

Flächen in lila und rot-lila an den Seiten des Bildes
versuchen alles zusammen zu halten
können aber damit nicht die Einsamkeit der Menschen aufheben

Eva Otterstedt

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Bogarts Gewissenskonflikt

Dieser Auftrag schien mir die Gelegenheit endlich wieder meiner Herbstdepression entfliehen zu können. Leicht verdiente Dollars – schnelles Geld. „Mister Bogart, finden Sie meinen Regenschirm wieder,“ so lautete sein Auftrag. Über seinem Namen ließ er mich ebenso im Dunkeln, wie über weitere Anhaltspunkte. Mir war sofort klar: Die Mafia ließ grüssen. Dunkelblau mit hellgrünem Griff, zuletzt gesehen zwischen des Varietetheater am Sunset Boulevard und Jimmys Cocktailbar, soviel Infos gab er dann noch preis.

Ich schnappte mir meinen Trenchcoat, die 38-iger lässig im Halfter und ab ging es in den Dschungel der Großstadt. Meine berühmte Spürnase sagte mir, dass ich dieses edle Stück nur dort würde finden können, wo sich die feinen Herrschaften der Unterwelt ein Stelldichein gaben. Im Varietetheater hatte schon so mancher sein Herz verloren, warum nicht Mal einen Regenschirm. Mein Plan war so einfach, wie genial. Getarnt hinter meiner New York Times nahm ich meinen Beobachtungsposten direkt gegenüber des Theaters ein. Meine Kippe lässig im Mundwinkel peilte ich zunächst die allgemeine Lage. Jedes Detail konnte von entscheidender Bedeutung sein. Nun musste ich nur noch auf den Regen warten. Sobald sich der Dieb zu erkennen gäbe, würde ich einer Klapperschlange gleich blitzschnell zuschlagen. Der Wimpernschlag eines Moments reichte mir häufig, um die Probleme meiner Auftraggeber zu lösen.

Zugegeben, im Moment war ich ein wenig aus der Übung. Die Herbstdepression. Heute sollte also wieder die Übung den Meister machen. Die Nacht so klar wie mein Verstand, am Himmel kein einziges Wölkchen. Der Schweiß auf meiner Stirn erinnerte mich daran, mit wem ich es zu tun hatte. Ohne diesen Schirm war mein Leben keinen Cent mehr wert. Die Stunden vergingen. Der Regen ließ auf sich warten. Spürte ich da ein gewisses Unbehagen in der Magengegend? Bleib locker, Mann.

Aber meine Warterei sollte sich lohnen. Die feine Dame nutzte ihn als Sonnenschirm. Das würde nun doch noch leicht verdientes Geld werden. Aber dann sah ich SIE. Direkt vor der Schirmlady schritt SIE grazil vorweg, eine wahre Offenbarung, einer Göttin gleich schwebte sie förmlich auf mich zu. Sie war eine dieser Frauen, die Feuer entfachten, ohne jemals fürs Löschwasser zu sorgen. In ihren Augen nur die eine Frage, für die wir Männer glaubten immer die richtige Antwort parat zu haben. Ich musste mich entscheiden. Der Schweiß verwässerte meine Gedanken. Was sollte ich tun. Ins Flammenmeer der Leidenschaft, sie für mich gewinnen und mit ihr dem sternenklaren Himmel entgegen – oder doch lieber mein kaputtes Detektivleben retten und den Regenschirm sichern. Mein Verstand war leergefegt, wie die Straßen während des Super Bowl Finales.

Ich wünschte mir meine Herbstdepression zurück.

JHanik

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Im nasskalten Licht
minimal verweilend

den Umbruch wagen
blau in dunkel gegen den Strich

schwimmende Konturen
im Nachtschatten einsam warten

wortlos weiter wollen
gestreifte Sterne erreichend

Irene Rodewald

 

 

Max Beckmann: Zwei Mädchen aus Jütland, 1905

Beckmann_Kinder

 

Märtha und Marie – zwei Mädchen aus Jütland

Ihre Mutter hat sie dort plaziert, vor der weißen Wand des Hühnerstalls. Zur Strafe sitzen sie dort!
Heute will ihre älteste Schwester Marlies heiraten. Seit Tagen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren Die ganze Familie hat gekocht, gebraten und gebacken, um alle Gäste bewirten zu können. Und es sind viele Gäste, fast 100 hat Märtha ausgerechnet!
Es wurden Hühner geschlachtet, Torten gebacken und alle möglichen Sorten von Keksen gebacken, damit alle satt werden. Vater hat sein gutes Bier gebraut, und die Mutter hat viele Schüsseln mit der köstlichen Süßspeise „Schwedisches Himmelreich“ gefüllt.
Und genau das haben die beiden Mädchen beobachtet…  Die Mutter hatte die Schüsseln in den Erdkeller gestellt, wo es wunderbar kühl ist, auch im Sommer. Dann hatte sie die Tür abgeschlossen und den Schlssel ganz sicher versteckt… Die beiden Kinder kennen ihre Mutter und deren kleinen Geheimnisse, und Marie, die jüngere, hatte das Versteck schnell entdeckt: unter der Zuckerdose fand sie den Schlüssel!
Spät abends, als es im Haus ganz still war, schlichen die beiden Abenteuerinnen auf Pantoffeln in den Erdkeller. leise, leise, damit keiner sie hört! Märtha trug eine Kerze im Glas und Marie den verheißungsvollen Schlüssel. Leise, ganz leise hat Marie aufgeschlossen und beide haben den Duft des Desserts eingesogen – oh, wie lief ihnen da schon das Wasser im Munde zusammen!
In der Aufregung hatten sie den Löffel vergessen  – egal, es geht auch mit dem Finger. Beide tauchten genüßlich ihre Zeigefinger in die untere Schüssel – ah lecker und so wunderbar süß!  Und gleich noch einmal eingetaucht! Märtha wollte eine Schüssel herunter heben, damit sich die halbflüssige Speise wieder über den Löchern , die die Finder hinterlassen hatten, schließen konnte.
Da passierte das Unglück: das untere Brett mit mehrerenSchüsseln kippte und mit großem Getöse gingen die Schüsseln zu Boden.
Da lag die herrliche Creme am Boden, die Gefäße entzwei gebrochen!
Durch den Lärm wurde die Mutter herbeigerufen: „Was macht ihr denn hier?“ fragte sie überrascht. Und dann fiel ihr Blick auf das Chaos am Boden. „Oh, das gute Dessert!“ jammerte sie und „Das darf doch nicht wahr sein!“
Die Mädchen wurden ins Haus beordert, die Mutter machte sich ans Aufräumen. Die vielen Scherben und vor allem die guten Zutaten – was für eine Verschwendung!
Zur Strafe mussten die Mädchen am nächsten Tag vor dem Hühnerstall sitzen, als das große Festessen begann.
Zwar trugen sie ihre hübschen neuen Blusen, die die Mutter für die Hochzeit der Schwester geschneidert hatte, und sie durften ihre Bernsteinketten tragen, ebenso die blau-seidenen Haarbänder – aber von der Hochzeitstafel waren sie verbannt, das sollte ihre Strafe sein!
Trotzdem, so recht schuldbewußt sehen die beiden nicht aus: Märtha blickt trotzig weg, und Marie denkt im Stillen an das nächtliche Abenteuer. Da verzichten sie doch gerne auf das langweilige Festessen, und Marlies wird ihnen sicher etwas aufheben von den guten Sachen!

KIRUNA

 

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Papas (Ein-)Stellungswechsel
Das ist jetzt total doof! Wir haben die ganze Zeit so viel Spaß gehabt. Alle meine Freundinnen waren in derselben Kindergruppe. Und meine Schwester Paula hat nicht genervt, die hat mit den Kleinen in der Bambinigruppe gespielt. Und nun sitzen wir wieder hier zu Hause mit unserer Hausdame und langweilen uns. Das kann ja noch Stunden dauern, bis sie das Bild zu Ende gemalt hat. Paula ist auch ganz traurig, dass wir nicht mehr in den Kindergarten gehen dürfen. Ich verstehe Mama und Papa nicht. Sie waren doch so froh, dass sie noch zwei Plätze im Kindergarten erhalten haben. Papa hat uns morgens vor seiner Arbeit in den Kindergarten gebracht und Mama hat diesen komischen Töpferkurs besucht. Den ganzen Tag konnten wir spielen und malen und basteln. Alle waren so nett. Aber mir kam das gleich so komisch vor, als Papa mich und Paula mitgenommen hat zu diesem mürrischen Mann in das verstaubte muffige Büro. Wie Papas Augen auf einmal leuchteten. Verstanden habe ich nichts. Papa hat mehrere Papiere ausgefüllt und unterschrieben. Dann hat er sich immer wieder bedankt und wir sind vorbei am Kindergarten nach Hause gefahren. Die Papiere hat Papa auf seinen Sekretär gelegt. Auf dem ersten Blatt stand ein Wort, dass ich noch nie gehört habe. Elterngeldantrag!

JHanik

 

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Dritte Sitzung

Öl dauert ewig bis es trocken ist
die drei Kinder meiner Schwester
können nicht lange stillsitzen
Stine und Emma waren geduldig
… immer und immer wieder
aber der kleine Max, der sich an
Stine kuscheln soll, ist viel zu unruhig
… ein echter Wildfang …
ständig ist er auf und davon.
Ich werde ihn nachher kurz skizzieren
und morgen früh einfach dazu ins Bild
setzen.
Dann bedarf es vielleicht einer letzten
Sitzung für letzte Korrekturen.

„Max, komm her und setz´  dich neben Stine“
~“och nö, ich mag gerade nicht“
„Jetzt mach schon, es gibt zur Belohnung
für alle am Schluss ein Karamellbonbon“
~“na gut, wenn das so ist … dann komme ich“

Also…. es geht doch …
„Nun aber flott, bevor das Licht verschwindet….“

         „Emma, Max, Stine…. Essen ist fertig !
         schalt es aus der Küche.

…. och nö, wie soll man da denn in Ruhe malen …

Sonnenmondin

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Sie sehen beide am Maler vorbei auf einen Gegenstand oder ein Person in der Ferne. Maria und Paula, von Mutter in die Sonntagskleider gesteckt, mit Kette und Band geschmückt, warten auf das, was sich nun ereignen soll.
Die Wangen gerötet von der Eile, zu der Mutter sie trieb – oder wegen der aufregenden Dinge, die nun geschehen sollen?
Erwartungsvoll-skeptisch erscheinen sie mir. Die innere Spannung beider Mädchen ist auf ihren Gesichtern zu lesen. Das ältere Mädchen befindet sich ganz im Mittelpunkt des Bildes, vielleicht geht es um sie, ist deshalb die Kleinere an den Rand gerückt?
Hat das junge Mädchen sich vielleicht einfach dazu gesetzt, als nur die Ältere porträtiert werden sollte? Und hat der Maler seinen Auftrag falsch verstanden oder gar eigenmächtig die sich hinzudrängende kleine Schwester mit aufgenommen?
Vielleicht mochte er das lebhafte blonde Geschöpf sogar lieber als die fast ein wenig streng oder möglicherweise sogar kritisch blickende ältere Schwester? Deren offenbar ungekämmtes Haar wurde vom Künstler ohne Beschönigung dokumentiert. Fast scheint ein strahlender Kranz aus Licht das Gesicht des jungen Mädchens zu umgeben, stark kontrastierend zum Schattenwurf der älteren Schwester.
Ein heller Kranz, der die Kleine in die Mitte des Bildes zu rücken versucht, vergebens, aber der Betrachter versteht. So rückt das ältere Mädchen leicht an die Seite, der Mittelpunkt verschiebt sich, das feiner gezeichnete Gesicht der Jüngeren zeigt Wirkung.
„Verschiebe den Rahmen nach rechts!“ möchte ich rufen, „Sie fällt sonst heraus!“. Aber in der Ausstellung herrscht Sprechverbot.
Hier scheint die Wirkung von Menschen auf Andere im Kopf des Betrachters eigenartig erscheinende Effekte zu bewirken.
Ich löse mich von dem Bild. Das ältere Mädchen ist im Mittelpunkt,
und das ist gut so.

U.N.

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Mama will ein Bild von uns, hat sie gesagt… und nun sitzen wir hier vor der weißen Wand und warten auf den Fotografen.

Hübsch sollten wir uns machen. HÜBSCH! Der Ausdruck alleine macht mich schon ganz ärgerlich. Was heißt  hübsch? Die gleichen Blusen, die gleichen Ketten? Ist das schon hübsch? Meine Schwester und ich sind uns so ähnlich wie der Tag und wie die Nacht – da helfen auch gleiche Klamotten nicht.

Doch wenn Mama ein Bild von uns will, dann soll sie es eben bekommen. Ich gebe zu, ich bin etwas genervt. Viel lieber würde ich jetzt mit meinen Freunden zusammen sein, doch Mama will ja ihr Bild haben.

Ich setze mich also hier an diese weiße Wand in die Mitte. Meine Schwester drückt sich zaghaft neben mich. Sie ist immer die kleine Süße und ich die große Erwachsene. Ha, ha … aber wenn ich alleine ausgehen will, bin ich komischerweise noch zu jung dazu. Wer soll das verstehen?

Meine Schwester würde lieber in der Mitte sitzen, das merke ich wohl. Ich rücke aber hier nicht weg. Wäre ja noch schöner.

Da kommt der Fotograf und gibt Anweisungen. Ich soll ihn ansehen und lächeln. Will ich aber nicht. Meine Schwester hält sich natürlich brav an die Anweisungen und schaut ihn direkt an. Hoffentlich ist er bald fertig. Es wird noch an den Blusen gezupft und die Köpfe in Position gerückt. Als er auf den Auslöser drückt, schaue ich doch schnell zur Seite. Schließlich ist das meine Sache, wohin ich schaue.

Der Fotograf ist noch nicht zufrieden mit dem Bild und macht noch ein paar Schüsse bis er entnervt aufgibt. Ich sehe immer zur Seite.

Das Bild ist gut, sagt meine Mutter. Er war ihr klar, dass ich mich nicht an die Anweisungen halte, sagt sie. Sie ist zufrieden und ich bin noch genervter. Immer hat sie das letzte Wort. Jetzt hängt das Bild an der Wand und alle sind begeistert.

Was für ein hübsches Bild, hört man immer wieder. HÜBSCH? Na, ja…

Sabine Müller  

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Einer der wenigen warmen Tage dieses Sommers. Ideal, um endlich das Porträt zu beginnen. Lene und Ada sitzen vor der weißen Mauer. Die Mauer vom Haus der Großmutter. In den gleichen Kleidern, die sie auch trugen, als die Großmutter fünfzig wurde. Solange ist das noch gar nicht her. Lene ist immer noch sehr aufgewühlt. Nicht, weil die Großmutter weg ist, sondern wegen der Art, wie sie verschwand. „Ich will noch was von der Welt sehen“, das war das Einzige, was Lene verstanden hatte. Von all den anderen langen Erklärungen aus dem Brief war nichts in ihrem Gedächtnis hängen geblieben. Nun saß sie zusammen mit Ada hier vor der weißen Wand. „Blauauge nach rechts, Blauauge nach links.“ So hatte der Maler Lenes Schwester herumkommandiert. Er hatte deutlich gesagt, dass er das Bild nur der Großmutter zum Gefallen malen würde. Als er Ada schließlich rechts platziert hatte, war Lenes Platz links. Vom Maler aus betrachtet. Und weil er eben fand, dass die Großmutter nicht ausreichend Geld für das Porträt da gelassen hatte, wollte er ein Drittel des Bildes nur die weiße Wand malen.

Lene blickte in die Ferne. Wo Großmutter Luise wohl war? Nein, sie würde jetzt nicht weinen, es war schon genug, dass Ada immer wieder schluchzte und kaum die Tränen unterdrücken konnte. Schließlich mussten sie doch heute nicht arbeiten. Dafür war sie der Großmutter und dem Maler dankbar. Großmutter musste ihn gut gekannt haben. Es gab so vieles, was Großmutter gekannt hatte, was Lene nie gewusst hatte. Wie war das möglich? Wo sie doch die letzten zehn Jahre unter einem Dach gelebt hatten. Die Bernsteinketten, die sie und Ada trugen, waren Großmutters. Oft hatten sie die Schatulle an einem der langen Winterabende hervorgeholt und die Ketten befühlt, staunend bewundert und liebevoll poliert. Die Kleider aus dem steifen Soff mit dem roten Muster, die sie heute trugen, hatte Großmutter ihnen erst dieses Frühjahr genäht.

Vierzig Tage war der fünfzigste Geburtstag der Großmutter nun schon her. Vielleicht würde Lene die Großmutter nie mehr wieder sehen. Warum nur hatte sie verfügt, dass sie und Ada hier saßen und ein Porträt von ihnen gemalt wurde? Lene würde heute noch viel Zeit haben, darüber nachzudenken. Doch sie wusste schon jetzt, dass dieses Bild ein letztes großes Geschenk der Großmutter an sie und Ada war. Eine Erinnerung an das Leben vor dem Erwachsenenwerden. Eine Erinnerung an die Großmutter, die weggegangen war, um das zu tun, was sie noch zu tun hatte. Und Lene beschloss, so würde auch sie ihrem Leben im Alter eine letzte Wende geben.

 

L. Reichel

 

 

 

 

 

 

 

Paul Huet: „Waldweg“ (Waldinneres)

Wald_Huet

 

Der Luchs oder das Schicksal

„An der Scharfgarbe sind wir vorbei und an den sieben Buchen. Dort muss die Eiche sein.“ Der Bauer blickt gerade aus, blinzelt kurz und presst die Hand des Jungen fester. „Versprochen habe ich es dem Luchs, versprochen.“
Dem Jungen laufen Tränen über die Wangen.
„Der Luchs ließ mir keine Wahl.“
Der Junge stolpert über eine Wurzel. Fängt sich wieder.
„Jetzt trödel nicht. Was soll ich machen. Habs versprechen müssen. Sonst wäre es aus gewesen mit mir und dem Hof. Und dem Wald.“
Der Junge und starrt auf den Weg zu seinen Füßen. Blind vor Tränen. Er will nicht auf ein Hölzchen treten oder in ein Loch. Nicht wanken und nicht stolpern. Will die Füße so schnell und fest setzen wie der Bauer.
„Dort, da ist sie. Das muss sie sein. Siehst du den Luchs? Siehst du seine Augen funkeln?“
Der Junge blickt auf. Etwas glitzert im dunklen Untergestrüpp. Er bleibt abrupt stehen. Der Bauer zerrt an seiner Hand, so dass der Junge fast hinschlägt.
„Ich kann nichts machen. Komm. Es wird schnell gehen. Was bist du für ein Angsthase. Dem Schicksal kann man nicht entweichen. Und das ist nun mal deines. Ich musste mich entscheiden. Und habs getan. Er oder ich. Ich oder du.“
Der Junge schluchzt.
Dann stehen sie vor der Eiche. Der Bauer läuft um die Eiche, lässt den Jungen nicht los. Der Junge läuft hinter dem Bauern.
„Wo ist denn das Viech?“
Der Bauer schreit. Er tobt. Er schlägt gegen den Baum, tritt gegen den Stamm, hämmert mit den Fäusten gegen die Rinde.
Der Junge ist einen Moment frei und rennt ins Unterholz. Er kriecht ein Stück ins Dunkel. Ist still. Atmet leise. Dann spürt er einen warmen Leib neben sich. Der Luchs schaut ihn an.
„Wo bist du?“, schreit der Bauer. Er flucht.
Der Junge zittert. Dann schaut er dem Luchs in die Augen:
„Ich bin der, den du willst.“
Der Luchs schüttelt den Kopf.
„Ruf den Bauern her. Der Bauer hat es selbst gesagt: Dem Schicksal kann man nicht entkommen.“
Der Junge sieht dem Luchs tief in die Augen. Lange.
Dann ruft er zum Bauern: „Hier!“

Lisa Barth

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Es war einmal ein Waldweg. Umsäumt von alten knorrigen Eichen lebte er glücklich und zufrieden vor sich hin. Er freute sich auf den Tag, er freute sich auf die Nacht, er liebte die Menschen, er liebte die Tiere, er liebte den Regen, er liebte die Sonne. Nur den bösen Donner, den fürchtete er. So geschah es eines Jahres, dass es blitzte und donnerte. Dem Waldweg gruselte, des nachts plagten ihn Alpträume. Nach mehreren Donnerwochen war er mit seinen Wegeskräften am Ende.
„Ich höre auf, ein Weg zu sein, der Donner hat mich fertig gemacht.“
Ein Eichhörnchen hörte seine Worte und dachte sich:
„Das geht doch nicht, ein Wald ohne Weg ist kein richtiger Wald, da will ich mir doch mal sofort etwas einfallen lassen.“
Schwups war das Eichhörnchen auf der ältesten Eiche des Waldes verschwunden. Von hier aus konnte es Kontakt aufnehmen zur Göttin der donnerfreien Ebene.

Die Göttin der donnerfreien Ebene hörte sich alles an. Angerührt von den Worten des Eichhörnchens begann sie an einem Rettungsschirm zu stricken. Masche für Masche entstand auf ihrer Rundstricknadel. Mit rot, gelb und blau strickte sie ein Donnerauffangnetz. Das Eichhörnchen half beim Aufspannen. Gleich der nächste Donner verfing sich in den Maschen und konnte seine Donnerkraft nicht mehr entfalten.

Sprachlos vor Glück entspannte sich der Weg. Von nun an war er wieder ein glücklicher Weg. Bereitwillig und frohen Herzens legte er sich den Waldbesucher_innen unter die Füße.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann kannst du auch morgen noch einen glücklichen Waldweg erleben.

Irene Rodewald

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Ein Märchen 

Es war einmal ein Mädchen, Ludmilla mit Namen, die Tochter eines hohen Umweltpolitikers. Sie litt sehr unter ihrem berühmten Namen, erwartete doch jedermann etwas Außergewöhnliches von ihr zur Rettung der Umwelt. Sie fühlte sich klein und unbedeutend im Vergleich zu ihrem heldenhaften Vater, der Schweine vor der Fabrikmast rettete.

Ludmilla wollte ihren eigenen Weg finden und begab sich auf die Wanderschaft, nur mit Zelt und Rucksack und wenigen Talern. Sie wohnte hier und dort, machte sich nützlich auf Bauernhöfen, in Kindergärten, Altenheimen und hatte ein offenes Ohr für die Sorgen der Leute. Die klagten z. B. über die EG-Richtlinien in der Landwirtschaft und wie mit ihnen ihr Leben immer schwerer wurde. Da erkannte sie, dass ihr Vater kein Retter war für die Leute und die Umwelt, sondern einer, dem es ganz und gar um seine Karriere ging.

Ludmilla fand Mitstreiter für ihren Plan, kleine Orte zu gründen, in denen die Leute,  alles was sie brauchten, selbst herstellten. Nun waren sie endlich nicht mehr abhängig von irgendwelchen politischen Regelungen und Gesetzen, die ihr Leben steuerten und in denen sie nur Figuren waren. In diesen Orten lebten Menschen, die ihr Leben selbst ganz und gar in die Hand nahmen – wie Ludmilla.

Gwyneth

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Die Baumbesetzer

Es waren einmal mehrere Waldschrate, drei an der Zahl. Diese Taugenichtse lebten in einer uralten altersschwachen Birke. Diese hatten sie handstreichartig vor vielen Jahren unrechtmäßig besetzt. Die Birke war vom vielen Auf- und Abrennen im Inneren ihres Bauches reichlich genervt. Und sie war es leid, täglich mit ansehen zu müssen, wie ihre Bewohner vorübergehende Wandersleute zu Tode erschreckten. Gerade eben noch hatten sie sich mit den aus Las Vegas zu Gast in diesem Wald weilenden Zauberkünstler Siegfried und Roy einen Schabernack erlaubt. Die feixenden Baumbesetzer bekamen kaum Luft vor Vergnügen über ihre neueste Albernheit. Auch heute hatte die alte Weiße, wie die Waldbewohner die knorrige Birke nannten, keinen Erfolg mit ihren Ermahnungen. Auch heftigstes Schütteln des Baumes vom Wurzelwerk bis in die Baumkrone beeindruckte diese militante Dreier-WG nicht. So begab es sich, dass eines Tages ein riesiger Kormoran auf seinem Weg in den Süden Zwischenstation in den Wipfeln der alten Birke machte. Baum und Vogel kamen ins Gespräch. Die Birke klagte dem gefiederten Besucher ihr Leid. Der Flattermann, schon viel herumgekommen in der Welt, gab der geplagten Birke den Rat, die Waldschrate zu ihren vermeintlichen Verbündeten zu machen. „Interessiere dich für ihre Streiche, frage sie nach ihren tollsten Albernheiten und wovor sie selbst am meisten Angst haben. Und dann schlage sie mit ihren eigenen Waffen.“

Einige Tage später – der Kormoran war der Einladung der Birke gefolgt und hatte es sich für einige Zeit im Laubwerk bequem gemacht, kannte die Birke die Achillesferse der Baumanarchisten. Während eines Besuches des königlichen Großwildgeheges, so erzählten diese, seien sie vom Gebrüll eines weißen Tigers in Angst und Schrecken versetzt worden. Kreidebleich und mit schlotternden Knien hätten sie das Gehege fluchtartig verlassen und Tage gebraucht, sich von diesem Schreck wieder zu erholen. Die Birke erinnerte sich daraufhin an den Schabernack, den ihre Besetzer vor einigen Tagen mit den Gästen aus Las Vegas getrieben hatten. Und ihr fiel ein, dass diese beiden Zauberer aus dem fernen Amerika gewöhnlich immer ihr Haustier, den weißen Tiger, bei sich führten. Der Kormoran versprach, nach den Beiden Ausschau zu halten. Als Gäste des Königs im Schloss nächtigend waren sie schnell zu finden. Der Kormoran stöberte die beiden Illusionisten im Schloßgarten beim Baseballspiel mit ihrem weißen Lieblingstiger auf. Auf Leihbasis überließen sie dem imposanten König der Lüfte den König der Wälder. Nun musste nur noch eine geeignete Gelegenheit gefunden werden, die Idee in die Tat umzusetzen. Die alte Weiße wusste, dass ihre ungebetenen Gäste gerne vor Beginn der Waldnachrichten ein kleines Nickerchen einlegten. Und so postierte sich der weiße Tiger am Abend vor dem Eingang der Birke, holte sehr tief Luft und brüllte in das Innere des Baumes hinein. Viele Jahre später wurden die drei ehemaligen Baumbesetzer in einem fernen Meer bei der Besetzung einer Bohrinsel erwischt und verhaftet – sie waren immer noch kreidebleich und ihre Haare standen ihnen zu Berge.

JHanik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hans Hartung: T 1963 R 17

Hartung

Reflektion  1

Gertenschlankes
tänzelndes Wesen
erhobenen Hauptes
ziehst du über den Wolken
lächelnd
die Menschen an

im hellen Dunkel
warten sehnsüchtig
deine lachenden Skorpione

Reflektion 2

Schaut,
elfengleiches Flattern
wahrhaftige Reinheit
das bin ich.

Malariaschwangere Insekten
glühende Bisse
das bin ich.

So liebt ihr mich
ihr unmündigen Süchtigen –
meine Sklaven.

Gwyneth

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R u h e

Endlich,
das Auto steht.
Der Motor schweigt, das Licht
ist aus.
Auf der Windschutzscheibe wohl dieser
entstellende Kratzer.
Woher
waren die Steine gekommen?
Der Kieslaster hatte plötzlich gebremst.
Sein Kopf müsste doch dröhnen.
War er allein im Auto gewesen?
Er konnte fast nichts sehen.
Nur diesen abscheulichen Kratzer.
Die Stille verunsicherte ihn.
Kein Geräusch, nirgends ein Licht.
Schmerzen hatte er nicht.
Ob sein Herz schlug?
Den Kratzer sah er doch, oder?
Und wenn er seinen Puls fühlte?
Er versuchte ihn zu tasten.
Wo war sein Handgelenk?
Oder doch besser am Hals?
Er tastete nichts.
Aber dieser Kratzer war doch
eben noch dort gewesen!
Nun war alles fort.

U.N.

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Aus tiefster Nacht

Aus tiefster Nacht
erwacht,
der Tag
noch weit ~ so weit
sanft, ganz sanft
beginnt ein Hinübergleiten
hält inne
lässt sich Zeit
streckt hie & da
einen Finger aus
und
einen Zeh
hält wieder inne
ein leises Säufzen
dehnt sich aus
es will hinaus
~ hach ~
ein zarter Wimpernschlag
ein leichtes Blinzeln
das Tages-Ich
wagt sich hervor
und hält noch
einmal inne…

Sonnenmondin

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ABWEHR

Nein!

Nichtmehr
Ertrage
Ich
Nähe

Nein!

Raphaela

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Spuren

die Spur
verfolgen
Krater
in der Spur bleiben
gespurt
im Zickzack
aus der Reihe
tanzend
die Spur verlieren

Freiheit?

Irene Rodewald

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Elegische Pracht
breitet sich zu
meinen Füßen
während ich
deine Haare
sammle mit
meinen Augen
und dem Wind
die blanke Seite
biete, um mit
weit geöffneten Sinnen
dir entgegenzutreten,
Nacht!

Lisa Barth

….

Karl Schmidt-Rotluff: Das rote Haus, 1913

Rote Haus_Rotluff

Das rote Haus 1

Rot
Rotblut
Schandblut
Nichts gewusst
hat sie
die Mutter
Natürlich nicht
Nur
das Blut
floss
die Wege hinunter
färbte
das Haus rot
verdunkelte
Himmel     Bäume
Lillys Geist
Hauptsache
Mutti
hat Frieden

Das rote Haus 2

Sie denken
in mir
können sie
alles treiben
D a f ü r
wurde ich nicht gebaut
Dass
Mönchskinder geboren
und sofort zurück in die Erde gehen.

Ich
verbrüdere mich nicht
WUT    ZORN     SCHAM
lasse ich
in meinen Wänden explodieren.
Und alle fragen sich:
Wie
konnte ein grünes Haus
rot werden?

Gwyneth

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Das rote Haus

Mühsam ist der Weg zum roten Haus ~
nur zu Fuß erreichbar ~ und vollbeladen ist mein Korb.
Seine Herrschaft will heute Karpfen speisen
mit Gurkensalat und einer cremigen Suppe vorher.
Der Bursche liegt mit Fieber hernieder, also war ich selbst drunten im Ort auf dem Markt.
Ist auch besser so, da kann der Fischhändler mich nicht einfach übers Ohr hauen.
Aber dieser Weg zurück, den Berg hinauf, der ist doch sehr erschöpfend auf meine alten Tage. Noch ein paar Schritte und dann kann ich mit den Vorbereitungen loslegen.
Hoffentlich sind die Herrschaften heute verträglich miteinander. All zu oft herrscht der Jähzorn in diesen Gemäuern und der Hausfrieden ist dahin ~ Zank und Streit gehen hier öfters ein und aus als der Pastor, der täglich zur Morgenmesse erscheint.
Entspannte Atmosphäre gibt es nicht wirklich ~ es brodelt ewig unter der Ober-fläche … solange bis der nächste Vulkan wieder ausbricht ~ dann fliegen die Fetzen und Gegenstände, dass es nur so kracht. Sie machen vor keinem, mit noch so viel Liebe gekochtem Essen, halt.
Ich frage mich wahrlich, ob ein böser Fluch auf diesem Haus liegt oder ob die rote Hausfarbe dieses Lava ständig zum überkochen bringt… ich vermute fast beides,
denn auch die Vorgänger lagen sich andauernd in den Haaren. Da macht das Leben als Köchen langsam keinen Spaß mehr.

Doch eben am  Gemüsestand lauschte ich einem Gespräch ~ völlig unbeabsichtigt versteht sich ~ und so kam mir zu Ohren, dass der Baron, in seinem grünen Haus am Südhang, eine neue Köchin sucht ~ dies könnte ein Zeichen des Himmels sein!

Ich glaube… morgen, an meinem freien Tag,  werde ich dem alten Herrn mal einen Besuch abstatten…

Sonnenmondin

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ROTES HAUS

Rotes Haus
Totes Haus
Schwarz erstarrte
Stille stöhnt
aus leeren Augenhöhlen
Hoffnungsverdunkelt

Vorbei
Vorbei

Raphaela

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Morgendämmerung am roten Haus

Der blauschwarze
Nachthimmel weicht den
aufblitzenden Sonnenstrahlen des
neuen Tages.
Das Haus liegt am Hang,
sein Weg führt durch
kraftvolles, züngelndes Grün,
vorbei an gespaltenen Pappeln.
Was wollen sie sagen, was
wissen sie?

Gespaltener Himmel, gespaltenenes
Grün, wie geht es euch, Menschen?
Zwei Giebelwände fassen das
Haus. Wie gerahmt lehnt es
in ihnen. Winzige Fenster in
großer Höhe schauen mich an.
Das Haus wie leer, drinnen
Dunkelheit, am Schornstein kein Rauch.
Wo seid ihr, Menschen?
Lockt euch nicht der
neue Tag?

Der ferne Betrachter bleibt
stehen und schaut,
lauscht, wartet.
Gibt es dort Leben?
Kein Tier wohl beim Haus, kein
Kindergeschrei. Nichts.
Der ferne Specht erlöst
den Betrachter, sein
tok-tok-tok bringt
Hoffnung mit.

Ein Vogelstimmchen ganz
zart, mischt sich ein.
Erwacht nun das
Leben, vielleicht auch bei
Euch?
Noch steht der Betrachter
und wartet
und hofft.

U.N.

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Auf die (Holz-)barrikaden!

Mein Schornstein raucht nicht mehr!
Du fragst, wie es dazu kommen konnte?
Ich will es dir erzählen.

Weißt du noch, wir ihr am Vorabend der Aktion gemeinsam mit euren Freunden und Kampfgefährten zusammen gesessen und die letzten Einzelheiten eurer Aktion geplant habt? Alle waren voller Tatendrang und Erwartung, begleitet von einer großen Ungewissheit. Paul, euer Anführer und Motivator schwor euch auf das Ziel ein. Du erinnerst dich – selbst die größten Bedenkenträger unter euch ließen sich von der euphorischen Stimmung anstecken. Niemand schien mehr bereit oder fähig, über die Konsequenzen im Falle eures Scheiterns nachdenken zu wollen. Ewige Freundschaft und den unbedingten Willen zum Sieg hat sich die Gruppe geschworen. Ich bewunderte eure Entschlossenheit und den Willen, nichts dem Zufall überlassen zu wollen. Alles war bis ins kleinste Detail geplant. In der frühmorgendlichen Dämmerung des folgenden Tages sollte es losgehen. Ihr wusstet, die Zeit würde knapp werden. Viel hing davon ab, dass ihr rechtzeitig wieder zurück sein würdet.

Doch dann kam alles ganz anders.

Für die Gewinner des großen Baumsägewettbewerbs der Försterei Klein-Rottluff waren zehn Kubikmeter bestes Buchenholz ausgelobt worden. Mein Kamin glimmte nur noch auf den letzten Resten Holz. So sehr war ich auf das lebensnotwendige Kaminholz
angewiesen. Und dann werdet ihr disqualifiziert, weil ihr Deppen die Sägen vergessen habt. Nun ist der Ofen aus.

JHanik

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Im Turm

Der Sommer geht. Ich sehe aus dem Giebelfenster auf die Büsche, deren Blätter sich vom Grün abwenden. Der Winter wird kommen, und mit seinem Weiß den Weg und die Bäume bedecken, selbst das Dach des Hauses, so dass allein die roten Mauern von hier künden werden. Von Weitem mögen Besucher denken, dass etwas brennt inmitten der weißen Hänge. Bis sie näher treten und den rot bemalten Stein anfassen und spüren, dass er kalt ist. Kalt bis unters Dach, wo ich sitze und hinausschaue, diesen nächsten Winter lang.

Lisa Barth

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georges Lacombe: Maria Magdalena

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MARIA MAGDALENA

Sie liebt ihn,
weil Er sie liebt.
Sie weiß Ihn dort
an jenem Ort des Schweigens.
Und sehnsuchtsverzehrt
nach Seiner Nähe
verbrennt ihr Herz,
entflammt in Liebe,
die nichts will
als nur verschmelzen da,
wo ihre stummen Blicke
sich vereinen.
Nichts zählt mehr,
wenn diese Liebesströme
sich durchdringen.
Und – gleich der Hostie –
verwandelt sich ihr Leib
in reinen Geist.
Des Herzens Brennen:
Seelensehnen,
glücksel’ges Ahnen
des, was hie noch
trüb verschleiert,
dereinst im wahren Strahlen
für ewig sich wird offenbaren.

Raphaela

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