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Camille Pissarro: Im Gras liegendes Mädchen

Pissarro_liegendes_maedchen

Hey.
Haben wir dich erwischt!
Ist schon gut.
Wir haben eine Flasche Wein mitgebracht.
Ja ja, natürlich erst die Arbeit und dann das Vergnügen.
Da gehst du uns ja mit gutem Beispiel voran.
Wir machen das schon fertig.
Bleib ruhig liegen.

Seit wir die Genossenschaft gegründet haben ist alles besser. Ich kann in der größten Mittagshitze einfach Siesta machen. Ach, ich schaffe es heute noch nicht mal mehr, mich in den Schatten zu legen Früher wäre das nicht möglich gewesen. Sie haben uns behandelt wie Ochsen. Grade dass wir nicht im Joch liefen, das hätte noch gefehlt.
Und jetzt lieg ich hier. Im Gras. Und bleib liegen.

 

Lisa

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Unverhofft(es) im Gras


Im Unfallbericht der Berufsgenossenschaft las sich der zugetragene Unfall wie folgt:
Die vierzehnjährige Werktätige Josephin H. war von ihrem Arbeitgeber, dem Gutsbesitzer
Hinrich K. zur Rasenpflege eingeteilt worden. Mit einem nicht vorschriftsmäßigen leichten
Sonnenschutz auf dem Kopfe und ohne die arbeitsschutzrechtlich vorgeschriebenen
Arbeitsschuhe des Modells Landwirtschaft betrat Josephin H. die vor dem Gutshaus
befindliche Rasenfläche. Zuvor hatte sie vergeblich nach ihrem Arbeitshandwerkzeug,
einem hölzernen Rechen der Marke Wolf & Söhne Ausschau gehalten. Dieser befand sich
nicht am dafür vorgesehenen Haken im Geräteschrank in der Scheune des Arbeitgebers K.
Die Werktätige H. durchkämmte daraufhin das gesamte Anwesen des Gutsbesitzers,
allerdings ohne Erfolg. Erschöpft und offenbar sichtbehindert durch die Kopfbedeckung,
übersah die Werktätige H. beim Betreten des Rasens den verdeckt im Gras liegenden Rechen,
dessen Zacken nach oben gerichtet waren. Aufgrund der für die Gartenarbeit ungeeigneten
Sommerschühchen und des fehlenden Schutzhelmes schnellte der Rechenstiel empor und traf
Josephin H. mit großer Wucht direkt am Kopfe. Dass sie den Rechen nun doch noch gefunden
hatte, konnte die Werktätige H. nicht mehr wahrnehmen, da sie wenig später am Unfallort verstarb.
JHanik

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Max Slevogt: Die schwarzen Panther, 1902

Die schwarzen Panther

 

Papierpanther

Aus dem Kopf

durch die Hand

mit Restfarben

aus dem Aschemilieu

wähnt Herr S. wohl

das Tier gefangen

 

Auf dass er sich nicht täusche

denn jeder Panther

verließe sofort

diese Reproduktion

Und so bleibt uns

nur die Hülle

 

S.I.

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Sonnenflecken

Beamtin. Sicherheit. Endlich.   –   Dachte sie.
Ein freier Vogel war sie. Flog herum und bediente alle ihre Talente. Geatmet, getanzt, gewirbelt, geneugierelt. Das Eigene hat sie immer wieder neu geboren.

Und dann. Als ob man die Muster der Ahnen nicht einfach abschütteln kann. Sie drängen sich mit Macht in die Großhirnrinde, in das Blut, in die Poren und platzen langsam aber nachhaltig wie ein Geschwür: Sicherheit, Dienen, Maul halten, Still gestanden.

Das Konto wächst, der Panther auch. – Aber nicht der geschmeidige, schwarz glänzende, der durch sein Gebiet schreitet, galoppiert. Nein.

Der geschrumpfte mit dem stumpfen Fell stapft schwer hinter Gitterstäben und bewundert reumütig die Sonnenflecken – draußen.

HAAALT. Genug auf- und abgegangen, hin- und hergelahmt in bewusstloser Routine. – Der Panther küsst den Wärter und – öffnet das Tor. „Willkommen, meine Sonnenflecken.“

Irene Jasca

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Schlechte Aussicht

Ihr habt es nicht anders verdient! Gejagt habt ihr mich. Verfolgt, gehetzt, verletzt und gedemütigt. Für euch war ich nur eine Trophäe, die es galt zu erlegen. Die Gier nach Macht war eure Triebfeder – feindliche Gesinnung das Ergebnis. Euer Jagdfieber hat vor keinem miesen Trick Halt gemacht. Mit Fallgruben und Fallstricken wolltet ihr mich erlegen. Aber ich war zu schlau für euch, war immer eine Tatze voraus. Klar im Verstand, wo ihr von Hass und Trieb geblendet ward. Rücksichtslos durchstreiftet ihr den Dschungel, als sei er eure gute Stube. Aber er ist meine Welt, dort kenn ich mich aus. Mit eurer Brandrodung habt ihr sie zerstört. Euer nie nachlassender Ehrgeiz sollte Furcht einflößend sein. Aber er hat euch nur geblendet, euch eine vermeintliche Überlegenheit suggeriert. Bei meiner Flucht in die Stadt der tausend Tempel glaubtet ihr mich endgültig in die Enge gedrängt zu haben. Aber auch in diesem Labyrinth bin ich zu Haus, ihr nur Eindringlinge. Und so seht ihr nun die Welt nur noch in Streifen. Und den Schlüssel für den Käfig habe ich!

JHanik

Franz Marc: Reh im Blumengarten, 1913

Bildschirmfoto 2014-11-06 um 09.58.24

 

Waldgefahr

Reh im Blumengarten! Welch alberner Titel. Warum nicht gleich: Rehlein auf der grünen Wiese – hüpf, hüpf, hüpf. Besser noch: Armes Rehlein so verwirrt, weil es sich so arg verirrt. Oder kulinarisch: Unsere heutige Tagesempfehlung: Zartes Rehlein in Milch gebadet, auf einem Bett von Salaten der Saison, begleitet vom Unkraut des Gartens und leicht touchiert von einer Vinaigrette des Grauens.

Ich bin es so satt, künstlerischer Spielball eines Herrn Franz Marc zu sein. Dieser ganze Expressionismus – für mich der reinste Extremismus. Dieser Radikalinski Marc gestaltet mich in Formen und Farben, die weder meiner Natur noch meinem ästhetischen Geschmack entsprechen. Schwindelig wird mir in dieser Position, aber meine Meinung steht hier ganz offensichtlich nicht zur Disposition.

Verrenkt und verdreht stehe, liege oder sitze ich hier und sehe Kimme und Korn auf mich gerichtet. Des Jägers Flinte zaudert noch. Mit einem einzigen Malerstrich könnte er mich befreien, der Franz. Nur eine kleine farbliche Retuschierung meines Felles und ich wäre getarnt und geschützt. Aber stattdessen sitzt der Herr wieder mit seinen Spießgesellen von den Blauen Reitern zusammen und sie philosophieren über die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts. Und ich sitze in der Falle.

Gesträubt habe ich mich, als er mit dem Malerpinsel ansetzte und die ersten feinen Striche mich erkennen ließen. Meister, flehte ich ihn an, lassen sie diesen kubistischen Firlefanz, malen sie mich so, wie der Wald mich kennt. Aber er kannte nur ein Ziel; mich so auf die Leinwand zu bringen, dass auch der Herr Kandinsky voll des Lobes sein würde.

So bleibt mir nur die letzte Hoffnung, indem ich mich vor meinen Häschern mit einem beherzten Sprung in eine andere Epoche der Malerei hinüber rette.

 

JHanik

Max Beckmann: Mann im Dunkeln

Max Beckmann_Mann im Dunkeln

 

Mein Nachtlied
schicke ich dir,
Liebste,
damit es in
deinen Ohren singt
wenn Schatten
durch Haut und
Federn nagen
und der
Meeresgott
seine Seufzer
schickt
um dich zu
entblößen und
deine Nackheit
dir gefriert
Knochen für
Knochen
Arm für Arm
Mund um Auge
in den Fluten
zerberstend
die mir hier
entgegenschlagen
an meinen Röcken
zerren und
mich erblinden
lassen.

Höre mein Nachtlied,
Liebste,
damit es dich
durch die Zeiten trägt
während ich es
dir
zum Abschied summe
hier
für allezeit

Lisa Barth

Dominique Papety: Die Villa…

Dominique Papety Die Villa Raffaels in Rom

Fragment eines Daseins

Es tönt mir weit
in den Ohren
legen sich
Sandflocken
auf meine Glieder
wage nicht
mich zu rühren
sehe durch die
Lider meiner Augen
schwach die Haut
papieren die Knochen
das Eisen erkaltet

In meiner Leere ist
kein etwas

Hier warte
und schweige ich
über den Schrecken
dass mit dem Tod
nichts geht sondern
hier bleibt
festgehalten
erkaltet

Ich bin
außerhalb
der Leere
mit
Knochen
und
Haut
und

Lisa Barth

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Die Urlaubsreise

Endlich Urlaub! Monatelang habe ich mich auf diesen Tag und die darauffolgenden zwei Wochen gefreut. Es ist Sommer – Mitte August und ich stehe mit meinem Koffer in der Einfahrt zum Hotel und blicke sehnsüchtig auf die Villa, die mich die nächsten vierzehn Tage beherbergen wird. Erschöpft von der Anreise und der Hitze des Tages aber dennoch innerlich freudig angespannt bleibe ich einige Minuten unter einer Trauerweide stehen. Der Schatten tut gut. Was mich wohl erwarten wird? Das Hotelprospekt hat gediegenen Luxus versprochen. Eine Künstlerherberge – damals wie heute.

Bereits letztes Jahr hatte ich diesen Urlaub gebucht. Eine Schreibreise, die den Spuren Raffaels nachgehen soll, war im Flyer angekündigt worden – ganz nach meinem Geschmack. Zu welchen Texten mich wohl die Villa und ihre Umgebung inspirieren wird?

Es ist sehr still. Keine Geräusche dringen aus dem Haus. Selbst hier draußen hört man nichts. Kein Vogelgezwitscher, keine Straßengeräusche. Die Villa liegt weit abgelegen vom Zentrum Rom’s. In der Ferne sehe ich die Kuppel vom Petersdom. Überall verteilt in der Gegend Zypressen im satten dunklen Grün. Wie herrlich!

Mein Blick geht wieder hin zur Villa. Alle Rolläden sind heruntergelassen. Ich schaue auf die Uhr: Der Zeiger steht auf Zwölf. Es ist Mittagszeit – Ruhezeit. Ich nehme meinen Koffer in die Hand und gehe die Auffahrt hoch. Der Kies knirscht unter meinen Füßen. Die Sonne brennt mir auf den Kopf und ich sehne mich nach einer kalten Limonade. Gleich werde ich in die Villa eintreten und an der Rezeption die Anmeldeformalitäten erledigen. Danach werde ich meinen Zimmerschlüssel erhalten und endlich auf mein Zimmer gehen können. Die Vorstellung von einer erfrischenden Dusche und dem kühlen Leinen der Bettdecke lassen meine Schritte schneller werden. Während ich auf die Villa zugehe schaue ich an der Fassade des historischen Gebäudes hoch. Farbe blättert von den Wänden. Mein Blick wandert weiter bis zum Obergeschoss. Irgendetwas stört mich plötzlich. Was ist es nur? Mir wird bewusst, dass alles etwas verwahrlost wirkt. Nun ja, es ist ja auch schon ein altes Gebäude, beruhige ich mich und gehe nun mit eiligen Schritten die letzten Meter zur Eingangstür. Ich sehe, dass dort ein Schild angeschlagen ist. Wahrscheinlich Informationen zum Haus. Endlich stehe ich davor und habe bereits die Türklinke in der Hand als ich ungläubig die Zeilen auf dem Aushang lese:

„Wegen Bauarbeiten geschlossen!“

S.M.

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Guten Morgen !

 

Da hat mich doch die Sonne geweckt. Noch kein Mensch wach, also auch kein Frühstück und der Wassernapf ist auch leer. Aber gähnen und recken und faul herumliegen auf meiner Decke, dass ist ja auch nicht schlecht.
Na klar, auf meiner Decke, warum auch nicht dazu habe ich sie ja schließlich und schön weich ist sie auch.
Ach so, richtig, ich könnte mich vorstellen, ich bin Raffael. Nein, nein, ich male nicht, denn ich bin der Hund des Hauses. Sie haben mich nach Raffael genannt einem Maler, der hier einmal gewohnt haben soll. Aber den Maler kenne ich nicht.
Ah, da höre ich jemanden, meist kommt sie als Erste. Richtig da ist sie schon die Frau, die oft in der Küche ist und Renata gerufen wird. Ich schiebe ihr den Wassernapf vor die Füße.
„Hallo Raffa“, begrüßt sie mich.
Ich wedele mit dem Schwanz als die mir Wasser gibt.
Renata macht sich in der Küche ans Werk. Sie kocht Kaffee, brät Eier, schneidet Brot, presst Orangen zu Saft.
Nach dem Wasser habe ich mich erstmal wieder auf die Decke in meinem Körbchen gelegt.
Wie bestellt erscheint Herrchen Guido, als das Frühstück auf dem Tisch der Wohnküche steht und Renata gerade schaut, ob sie etwas vergessen hat.
Ich finde Renata hat etwas ganz wichtiges vergessen. Sie hätte mir mal einen von den leckeren Keksen geben können, die mit dem Wurstgeschmack. Die kriege ich viel zu selten und das ärgert mich.
Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte auf den Tisch zu und knurre. Herrchen wirft mir einen missbilligenden Blick zu. Ich setzte mich und mache so freundlich ich kann Männchen. Als mich keiner beachtet belle ich.
„Ruhig, Raffael“, schimpft der Hausherr.
Ich stelle mich auf alle vier Pfoten und schleiche davon, so etwas dummes kein Keks.

Bald verlässt Guido das Haus. Ich lieg ein meinem Körbchen und bin immer noch beleidigt.
Die kleine Tochter Estella wird von Renata nach unten geholt.
Wir mögen uns sehr Estella und ich. Estella hat wunderbare schwarze Locke, genau wie ich. Na gut, die von Estella sind ein wenig länger und auch etwas weicher und außerdem habe ich keine rote Schleife.
Während Estella frühstückt, geht die Mutter nach oben, um sich um die Schlafzimmer zu kümmern. „Esse schön weiter, ich komme gleich wieder“, ruft sie der Tochter noch zu.
Estella nimmt lustlos noch einen Bissen, rutscht vom Stuhl, sieht die offene Küchentür, die den Weg zum Garten frei gibt und läuft hinaus. Estella mag das Wasser und sie läuft zum Gartenteich. Sie kniet sich auf die Begrenzungssteine und schaut nach den Goldfischen im Teich.
„Komm Raffa, sieh nur“, ruft sie.
Na, gut, dann will ich den Schmollwinkel mal verlassen, sie kann ja nichts dafür, dass es keine Kekse für mich gibt. Ich trotte Richtung Tür. Dort angekommen ziehe ich das rechte Bein hoch und kratze mich hinter dem Ohr, diese Fliegen und dann noch so viele. Ich setze mich auf die Türschwelle und blinzele in die Sonne. Ich sehe wie Estella im Teich nach den Fischen schaut. Sie gluckst vor vergnügen, wenn ein Schmetterling vorbeikommt.
Sie hat Spaß, denke ich, lege den Kopf auf die Vorderpfoten und bin grade so fast eingedöst.
Ein heller, gellender Schrei, lässt mich erschrocken aufspringen. Erst mal bellen, dass ist immer gut, aber was ist eigentlich los.
Estella, wo ist sie? Estella im Teich mit dem Gesicht nach unten, das kann nicht gut sein. Laut bellend bin ich mit einigen Sätzen im Teich. Ich packe ganz vorsichtig den Knöchel des Kindes, bloß nicht zu fest. Ich kann Estella aber nur bis an den Rand ziehen. Ich springe aus dem Wasser, wieder belle ich so kaut ich kann. Kurz glaube ich den Schatten von Renata zu sehen. Ich verbeiße mich ganz vorsichtig in Estellas hübsches Kleid und ziehe was ich kann. Estella hebt sich ein wenig, aber ich bekomme sie nicht über den Rand. Ich hole tief Luft, jetzt nur nicht aufgeben. Ich ziehe noch einmal so fest ich kann. Und endlich es ist geschafft. Jetzt sehe ich, dass Renata dazugekommen ist und mitgeholfen hat.
Estella meine Kleine, jammert die Mutter und versucht das Kind zu beatmen.
Ich lege mich schnaufend ins Gras und warte. Oh, nein, irgendetwas war nicht so gut. Nach einer Weile hustet Estella ganz furchtbar und dann spuckt sie auch noch Wasser. Entsetzt robbe ich en wenig zurück.
Renata umarmt das Kind und weint. „Wie geht es dir, Estella, sag doch bitte was“, ruft sie bittend.
Estella schaut die Mutter an. „Geht schon wieder“, meint sie tapfer und lächelt. Die Mutter nimmt das Kind auf den Arm. „Das ist ja gerade noch mal gut gegangen“, seufzt sie dankbar. Damit verschwinden die beiden im Haus.
„Und ich“, denke ich. „Was ist mit mir.“  Dann stelle ich mich auf die Pfoten, trotte ins Haus auf meine Decke und döse müde von meinen Taten ein.
Irgendwann weckt mich eine stürmische Umarmung. Es ist Estella, inzwischen wieder sauber und trocken.
Renata streichelt mich und sagt: “Raffa, mein guter, du bist unser Held.“
Und dann servieren mir die beiden ein Superfrühstück. Mehr Wurstsorten habe ich noch nie gesehen und in großer leckerer Knochen ist auch dabei. Das ist eine große Freunde!

Bärbel Richling, April 2014 

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Freundschaftliche Bauhelfer

In der Gebrauchsanleitung „mie casa“ stand nur lapidar: Nach Fertigstellung des Fundaments setzen sie die einzelnen Quader in der Reihenfolge ihrer fortlaufenden Nummerierung in- und aneinander. Das schien mir verständlich und umsetzbar – auch mir, der ich sonst einen Nagel nicht von einer Schraube zu unterscheiden weiß. Ich muss allerdings gestehen, dass das Ergebnis meiner baulichen Aktivitäten einer kritischen fachmännischen Begutachtung wohl nicht standzuhalten in der Lage wäre. Optimisten würden von einer großzügigen Raumgestaltung sprechen. Zugegeben – auch mir erschienen allein die Ausmaße meiner Empfangshalle arg überdimensioniert. Sie erinnerten doch sehr an die stazione centrale in Rom. Diese Bahnhofshalle könnte für mein Haus Pate gestanden haben. Zunächst erschien es mir nicht recht greif- und erfassbar, weshalb mich die Empfangshalle meines Traumhauses so in Irritation versetzte. Aber als ich die oberen Räumlichkeiten besichtigen wollte, machte diese Irritation ungläubigem Erstaunen Platz. Wo ich den Aufgang erwartete – gähnende Leere. Ein Bauteil fehlte. Eine Empfangshalle in einem mehrstöckigen Haus ohne Treppenaufgang! Ursachenforschung! Wir hatten doch streng nach Bauplan gearbeitet. Meinem hilfsbereiten Freund Lancelot-Theodore waren während der verschiedenen Bauphasen auch keine Bedenken gekommen oder bauliche Absonderheiten aufgefallen. Zunächst wollte ich ihn zu Rate ziehen. Aber er würde sicherlich auch noch nebenan mit seinem Neubau beschäftigt sein. Diesen hatte er noch während meiner Bauphase auf seinem Grundstück begonnen. Ein für uns alle überraschender spontaner Hausbau. Sein Gebäude – sehr schlicht, bescheiden, geradezu spartanisch. Nur ein einziger Wohnraum. Merkwürdig nur – führte doch in seinem eingeschossigen Haus ein großzügiger Treppenaufgang nach oben – ins Nichts! Es schien ganz so, als ob das Fundament unserer Freundschaft einige Risse bekommen hatte.

JHanik

 

Maurice Utrillo: Kirche in Villetaneuse

Maurice Utrillo_Kirche in Villetaneuse

 

Jetzt lag die Straße leer da. Die Bewohner der Kleinstadt ruhten vom Mittagessen aus. Es war schwül, höchste Zeit, dass ein Gewitter die Luft reinwusch. In der Ägidius-Kirche saß Don Alfredo in seinem Beichtstuhl und döste. Ob heute noch ein Sünder kam und ihn mit schmutzigen Geschichten versorgte?
Die Kirchentür knarrte. Don Alfredo hörte Schritte.  Er zog den Vorhang des Beichtstuhls vorsichtig zur Seite, nur einen Spalt weit. Er sah zwei Männer, dunkel gekleidet, sie kamen langsam auf ihn zu. Der Größere trug einen Sack, ein länglicher Gegenstand zeichnete sich ab. Vor dem Seitenaltar, wenige Meter vom Beichtstuhl entfernt, blieben sie stehen. Der Kleinere griff nach der Jungfrau Maria, umfasste Brust und Rücken, der Andere zog aus dem Sack ein Beil hervor und hieb auf den Sockel der Jungfrau ein. Mit wenigen Schlägen löste er Maria aus der Verankerung und hielt den Sack auf, während der Kleinere unter Stöhnen die Figur hineingleiten ließ.
Don Alfredo merkte, dass ihm der Schweiß über Gesicht und Rücken lief. Jetzt galt es, Maria zu retten. Er setzte zu einem Schrei an. „In Gottes Namen, versündigen Sie sich nicht!“, wollte er rufen.
Stattdessen sank er wie gelähmt in sich zusammen und blieb stumm.
Der Große wuchtete den Sack auf seine Schulter; unauffällig, wie sie gekommen waren, verschwanden sie.
Was aber sollte Don Alfredo seiner Gemeinde erzählen? Alle wussten doch, dass er um diese Zeit im Beichtstuhl saß!

H.S.

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Den Tag über hatte die Kirche in der Sonne geschwitzt. Die Hitze der Straße war bis hoch ins Gebälk gestiegen und legte ein Gewand auf die Glocken, das nach Staub und Stein und Bronze roch.
Als sich der Abend auf das Dach niedersenkte, begann das Gebälk zu sprechen. In tiefen Tönen zog und drückte es gegeneinander und blieb nur unerhört, während die Glocken nach Regelmäßigkeit riefen.
Die Luft kühlte sich ab und die Fenster ächzten im Rahmen, die Ziegel an den Wänden und in den Mauern stöhnten. Noch immer staute sich die Hitze unter dem Dach. Die Holzstufen schwiegen resigniert und die Glocken hingen tonlos im Turm.  Weiterlesen …

Carl Vinnen: Landschaft mit Windmühle, 1912

Carl Vinnen- Landschaft mit Windmühle

 

Geisterwind, Geisterwind
ich kann Dich hören
die zerzausten Flügel dreimal gedreht, dann ist alle Hoffnung dahin.
Deine heulende Fülle jagt Deine Boten.
Strudelndes Brackwasser sucht seinen Weg, es riecht nach Verfall.
Das Jahr rennt auf sein Ende zu, noch fünfmal kreisen die Windmühlenflügel, dann ist es vollbracht.

Geisterwind, Geisterwind
Der Mond zeigt Dein Treiben.
Die Mühle ist Dein Tempel und unsere Hoffnungslosigkeit Dein Lohn.

Geisterwind, Geisterwind
Deine Kälte nimmt unsere Kraft, Du beißt und Du schneidest.
Gleich, gleich – ist das Licht hinter den Wolken,
einmal noch bewegt sich das Windrad, dann bricht es entzwei.
Alles steht still,  jetzt ist es vorbei.
Geisterwind, Geisterwind – nun bist Du frei.

Die alte Mühle der Familie Mävers wird im Volksmund „Geistermühle“ genannt. Aus bisher nicht erforschtem Grund gedeihen auf den umliegenden Feldern und Weiden weder Pflanzen noch Tiere. Auslöser dieses Zustandes soll ein nicht aufgeklärtes und ungesühntes Verbrechen der Familie sein. Die Aufzeichnungen über seltsame Geschehnisse im Zusammenhang mit der Mühle beginnen im Jahre 1796 und sind in der Familienchronik gesammelt.

Mwa

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Flügelgerippe

vergeblich schlagend
gegen Stürme der Zeit

Und kreischend Krähen
entfliehn
dem Morast
der Einsamkeit.

Kein Halt im Himmel
flehend gereckten Fingern

Und echolos und ohne Wiederkehr
Seufzer verschwinden
in gurgelnden Schlünden
schwarzschlürfender Strudel.

Apokalypse
im Teufelsmoor.

Raphaela

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Im morbiden Licht

der kahle Flügelschlag
schwarzer Vögel

zerfetzen die Wolken
tobt das Wasser
das Tor geöffnet
der Himmel weit

ich verlasse das Grün
gehe stumm dir entgegen
du siehst meine Trauer
zwischen den Wolken zart
ein helles Blau

Irene Rodewald

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Zerfleddert

Weißt du noch, wie wir ihn in dieses dunkle brackige Wasser
getaucht haben, immer wieder, immer wieder?
Es war so ein todgeweihter Tag mit krähenden Rabenvögeln
und zerrissenen Wolken, die versuchten, sich gegenseitig
Angst zu machen.

Mir war  kalt und ich fühlte mich abgrundtief allein,
so wie sie sich gefühlt haben musste.  Nur diese jämmerliche
Windmühle war Zeuge, damals und dann.

Als er über und über mit torfigem Schlamm bedeckt war,
wurde mir warm, und die Todesangst in seinen Augen beruhigte mich.
Er würde es nie wieder tun.

Da endlich konnte ich ein Blau hinter den Wolkenbergen sehen,
und der Wind konnte sich ausruhen.

Gwyneth

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Herzensbedürfnis

Da bin ich nach 70 Jahren
hier noch einmal hergekommen ~
in die Gegend meiner Kindheit
… ein rechtes Herzensbedürfnis…

Doch statt Sonnenschein bläst der Wind
und  Regenwolken brauen sich zusammen,
aber was will ich von einem Novembernachmittag
anderes  erwarten.

Die alte Mauer steht noch da,
auf der haben wir früher herumgeturnt …
die Erinnerungen, wie schön sie sich zeigen,
dabei ist die Realität kalt und ohne Hoffnung,
nahezu bedrückend.

Der Zerfall der Mühle stimmt mich melancholisch ~
wie freuten wir Jungs uns doch
wenn wir dem Müller helfen durften.

Ich rieche noch das Korn und erinnere den Mehlstaub
in meiner Nase ~ wie unbedarft wir damals waren…

Wo es wohl den kleinen Hendrik hinverschlagen hat?

„Ach Simon, mein Sohn, lass uns nach Hause fahren ins Warme
und vorher noch beim Bäcker ein frisches Brot mitnehmen.“

Sonnenmondin

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Ich über mich hier im Moor nachdenken. Das hatte mein Therapeut mir empfohlen.
Und das auch noch im Herbst! Im Herbst im Moor! Saugen Sie alles auf, was um Sie herum passiert, seien sie offen, lassen Sie sich Wirbelsturm und Geisterwind um die Ohren wehen. Stellen Sie sich der raumgreifenden allgegenwärtigen Melancholie des Moores. Und so wandelte ich in morbider und zerfallener Hoffnungslosigkeit dieser landschaftlichen Apokalypse. Die düsteren Regenwolken schienen direkt auf meinem schweren Gemüt Platz nehmen zu wollen. Ich tauchte ein in brackiges Wasser und stolperte über zerfallene Mauern. Aber stehen Sie wieder auf, hatte er mir noch mit auf den Weg gegeben. Kaum hatte ich mich wieder erhoben, stürzten die schwarzen Vögel auf mich herab. Ich suchte Schutz im nicht vorhandenen Schatten der Windmühle. Aber ihr heulender Wind zerschneidender Flügelschlag ließ mich zunächst erschauern und dann in tiefe Bewusstlosigkeit fallen. Aus ihr wieder erwacht, glaubte ich neben mir den morbiden Atem der sagenumwobenen Moorhexe zu spüren. Aber es war nur meine Herbstdepression, die mir entgegenwehte.  In der Ferne dann das dampfende Geräusch vom Moorexpress, die Fahrgäste winkten mir begeistert zu, schienen mich als Touristenattraktion im Moor zu sehen. Mein Albtraum nahm einfach kein Ende. Ohne Hoffnung, in tiefer Trauer, einsam und allein suchte ich einen Weg aus dieser landschaftlichen Tristesse. Ich folgte ausgetrampelten Pfaden auf moorastigem Grund. Ich steckte bis zu den Waden im Moder der Jahrhunderte, die Sicht keine zwanzig Meter weit. Der einsetzende Schlagregen schlug mir förmlich ins Gesicht, löste die dampfenden Nebelschwaden auf – aber einen Ausgang aus dieser ungastlichen Gegend zeigte er mir nicht. Die Gedanken an meinen Therapeuten nahmen zwischenzeitlich abgrundtiefe bitterböse Züge an. Ich schwor mir, sollte ich dieser moorigen Unwirklichkeit jemals wieder entfliehen können – ich würde meiner Herbstdepression ein Zuhause geben und meinen Therapeuten keinen einzigen Cent mehr.

JHanik

Pierre Bonnard: Dame mit Katze, 1912

Pierre Bonnard- Dame mit Katze 1912

Du fragst mich, ob ich Dein Liebling bin, Dein Schatz, Dein Goldstück, Deine Einzige, Deine Beste auf ewig.

Du fragst mich, ob mein Leben schön ist, ob ich weiß, wie viel ich Dir bedeute, wie Du Dich um mich sorgst, wie Du mich behüten und beschützen willst auf immer und auf ewig. Dass Du keine andere willst, dass ich die Eine, die Einzige bin.

Ich frage Dich, willst Du meine Antwort? Ich bin ich, ich bin kein Goldstück, kein Schatz und auch keine Beste. Ich brauche nicht die Namen, die Du mir gibst, ich nehme Deine Liebe, Deinen Schutz, ich nehme Deine Aufmerksamkeit. Ja, ich schmiege mich an Dich, ich umgarne Dich, ich bin bei Dir und ich gehe mit Dir, manchmal. Du bist mein, ich bin nicht Dein, ich bin die Katze.

Du fragst mich, wo ich gewesen bin? Ich war Träumen, unten am See. Ich bin durch den Garten gewandert, ganz langsam, ich habe die Pflanzen betrachtet, all diese Pflanzen, die meine Familie aus der ganzen Welt zusammengetragen und an diesen Ort gebracht hat. Ich habe mich auf den Bootssteg gelegt und meine Hände in das klare Wasser gehalten. Es war kühl und angenehm. Die Katze lag neben mir in der Sonne. Ich habe einen Gelbrandkäfer gesehen und Wasserläufer. Den Käfer wollte ich fangen, aber er war zu schnell für mich. Die Katze ist dabei nass geworden, sie mochte es nicht.

Ob ich Dich sehen konnte, auf der Terrasse mit der Frau? Ja, ich sah Euch, ich sah Dich sie küssen. Die Katze hat gefaucht, sie mochte es nicht.

Du kannst jetzt gehen, ich muss die Katze liebkosen, damit sie sich wieder beruhigt.

Mwa

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Du fragst mich,
 … ob ich die Mutter deiner Kinder sein möchte …

Ich spiele gern mit Katzen, ich spiele gern mit Dir.
Ich liebe es, meiner kindlichen Seele freien Lauf zu lassen,
meine Lolita-Seite auszuleben.

Ich übernehme Verantwortung nur für mich –
und die Katze.
Das soll reichen.

Was schaust du so traurig?
Unser Spiel gefällt dir doch.
Es kann so weitergehen
bis in alle Ewigkeit,
wenn Du mich sein lässt.

Lass uns schwimmen gehn,
gleiten im sorgenfreien Raum
als gäb`s kein Gestern oder Morgen.

Gwyneth

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Du fragst mich nach Nähe?
Die gibt dir dein geliebtes Krallentier!
Du fragst mich nach Wärme?
Die spendet der Graupelz in deinem Arm.
Du fragst mich nach meines Herzens Schlag?
Ein andrer pulst  dir dicht dem deinen.
Du fragst nach meinem Blick in deine Seelentiefen?
Wie sollt ich dich ergründen?
Dein Herzenswächter wacht und warnt
mit flammend grünen Augen!

Nein, meine Liebe!
Du fandest das Deine.
Ich suche die Meine.

Raphaela

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Du fragst mich nie, wie es mir geht, aber unsere Katze scheinst du zu vergöttern. Dabei war ich einst deine Göttin – für alle Zeit, hast du geschworen. Geblieben ist davon nur noch ein leeres Versprechen. Heute trägst du nur noch sie auf Händen. Diesen dicken Mops! Ich bin es leid, mit ihr um deine Gunst zu buhlen. Ein Miau von ihr bedeutet dir alles, mein Verlangen dagegen gar nichts mehr. Jeden Wunsch scheinst du ihr von den Barthaaren ablesen zu wollen. In ihrer Gegenwart nimmst du mich nicht einmal mehr wahr. Gekocht wird nur noch vegetarisch – weil sie es nur so mag. Während du für sie entflammst, kocht unsere Liebe nur noch auf Sparflamme. Unser Diner zu zweit beobachtet sie mit Argusaugen – und Augen hast du dann auch nur für sie. Als drittes Rad am Wagen aber bin ich mir zu schade. Du sitzt mir sprachlos gegenüber, sie überschüttest du mit Worten. Ist sie dir nah, bin ich dir fern. Nah warst du mir zuletzt im Zug auf dem Weg zu deiner Mutter. Im Abteil ein extra Platz für sie. Zu sehr hast du mich gekränkt. Schluss damit! Ich nehm´ sie nun und zeige ihr, wohin sie gehört. Denn der Platz neben dir im Bett wird frei. Ich genieße derweilen meine Freiheit.

JHanik

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„Du fragst mich…“

ob es mir hier gefällt
… immer und immer wieder

obwohl du ständig geschäftlich unterwegs bist,
so antworte ich dir stets mit heiterem Kopfnicken,
denn ich fühle mich bei dir wie im Paradies …

~ allein ~ mir fehlt tagsüber ein Ansprechpartner

der alte Gärtner und die Köchin,
sie sind in sich gekehrt oder mürrisch ~
sie machen ihre Arbeiten und wollen
nicht gestört werden….

aber schau einmal, wer sich heute zu mir gesellt hat ~
eine neue kleine Freundin…

du fragst mich,
ob es mir hier gefällt
nun … heute kann
ich dir sagen
JA.

Sonnenmondin

Dame mit Katze

Arnold Böcklin: Der Abenteurer, 1882

abenteurer

Vorwärts

Vorwärts immer vorwärts
erhobenen Hauptes
dem Ziel entgegen
mehr mehr mehr
das Pferd antreibend
nicht sehen wollen die Gefahr
zertretend die Knochen
zersplittern die Schädel

vorwärts immer weiter vorwärts
erhobenen Hauptes
den Blick nach vorn
zermalmend die Rippen
was bleibt vom tapfren Rittersmann
wenn im Kampf er fällt
mehr mehr mehr
mehr Tote mehr Leid
was ich nicht sehe
gibt es nicht

vorwärts vorwärts vorwärts
ach gäbe es doch ein Boot
so würd ich segeln zur Insel
von der Schuld
mich waschen rein
mehr mehr mehr
nein weg mit diesem Wunsch
er darf nicht sein
ein Rittersmann niemals hat Angst
vorwärts vorwärts vorwärts
mehr mehr mehr

Irene Rodewald

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Nun sitz ich hier, der edle Don Quijote in aufrechter Haltung
geht auch nicht anders in diesem blechernen Harnisch –
habe mein Heimatland und treuen Diener verlassen
um allein die Welt zu erobern –

Vermisse schon jetzt die Windmühlen
mit deren Flügeln ich so vortrefflich kämpfen konnte –
schaue um mich und sehe nur Wasser, unendlich viel Wasser,
macht mir keine gute Laune, denn schwimmen kann ich nicht –
und das Segelboot benutzen ist nicht ratsam,
da mein geliebter Gaul nicht seefest ist .

Ich schaue rechts, ich schaue links und wieder rechts
und ….sehe nichts – nein gar nichts –
da sind keine Krieger zu sehen
denen ich einmal zeigen könnte, was ein richtiger Kämpfer ist.

Was nun –
Rosinante die getreue vierbeinige Partnerin meiner unerschrockenen Kämpfe,
senkt ihren Kopf und schaut schockiert auf die ausgebleichten Überreste
ehemaliger Besucher dieses Strandes –
sie weigert sich, weiter zu gehen
und ich sitze immer noch aufrecht und schaue nach rechts –

sehne mich nach meinem Zuhause
wo man mich kennt und von mir nicht erwartet
Taten zu vollbringen, die Knochen in dieser Form hinterlassen –
wie komme ich bloß wieder in das Land meiner so viel besungenen Heldentaten?

Eva Otterstedt

 

Ernst Ludwig Kirchner: „Straßenszene bei Nacht“

Kirchner Straßenszene

Frau in Lila mit rotem Hut
sieht nicht die Figur zwischen dem Mann mit dunkel blauen Zylinder
und rothaariger Frau mit Regenschirm und blau-grüner Kopfbedeckung

Männer mit Kleidung in Blautönen
machen eine Pause
und sprechen miteinander

Auto mit rot-lila Felgen
überquert die mittelblaue Farbe
und versucht, die dunkelblaue Linie zu überfahren

Menschen in verschiedenen Farbnuancen
stehen und bewegen sich
vor rosa leuchtenden Fenstern

Werbetafeln in bunter Vielfalt
in lila-rosa-grün   rot-rose   rot-blau-gelb-rotgelb   und   blau-rot-rose
werben für die Freuden des Lebens, besonders für ein Variete

Sterne leuchten rosa am blauen Himmelszelt
sie strahlen friedlich in die Nacht
und versuchen, die Stadt mit ihrem Schein zu erhellen

Flächen in lila und rot-lila an den Seiten des Bildes
versuchen alles zusammen zu halten
können aber damit nicht die Einsamkeit der Menschen aufheben

Eva Otterstedt

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Bogarts Gewissenskonflikt

Dieser Auftrag schien mir die Gelegenheit endlich wieder meiner Herbstdepression entfliehen zu können. Leicht verdiente Dollars – schnelles Geld. „Mister Bogart, finden Sie meinen Regenschirm wieder,“ so lautete sein Auftrag. Über seinem Namen ließ er mich ebenso im Dunkeln, wie über weitere Anhaltspunkte. Mir war sofort klar: Die Mafia ließ grüssen. Dunkelblau mit hellgrünem Griff, zuletzt gesehen zwischen des Varietetheater am Sunset Boulevard und Jimmys Cocktailbar, soviel Infos gab er dann noch preis.

Ich schnappte mir meinen Trenchcoat, die 38-iger lässig im Halfter und ab ging es in den Dschungel der Großstadt. Meine berühmte Spürnase sagte mir, dass ich dieses edle Stück nur dort würde finden können, wo sich die feinen Herrschaften der Unterwelt ein Stelldichein gaben. Im Varietetheater hatte schon so mancher sein Herz verloren, warum nicht Mal einen Regenschirm. Mein Plan war so einfach, wie genial. Getarnt hinter meiner New York Times nahm ich meinen Beobachtungsposten direkt gegenüber des Theaters ein. Meine Kippe lässig im Mundwinkel peilte ich zunächst die allgemeine Lage. Jedes Detail konnte von entscheidender Bedeutung sein. Nun musste ich nur noch auf den Regen warten. Sobald sich der Dieb zu erkennen gäbe, würde ich einer Klapperschlange gleich blitzschnell zuschlagen. Der Wimpernschlag eines Moments reichte mir häufig, um die Probleme meiner Auftraggeber zu lösen.

Zugegeben, im Moment war ich ein wenig aus der Übung. Die Herbstdepression. Heute sollte also wieder die Übung den Meister machen. Die Nacht so klar wie mein Verstand, am Himmel kein einziges Wölkchen. Der Schweiß auf meiner Stirn erinnerte mich daran, mit wem ich es zu tun hatte. Ohne diesen Schirm war mein Leben keinen Cent mehr wert. Die Stunden vergingen. Der Regen ließ auf sich warten. Spürte ich da ein gewisses Unbehagen in der Magengegend? Bleib locker, Mann.

Aber meine Warterei sollte sich lohnen. Die feine Dame nutzte ihn als Sonnenschirm. Das würde nun doch noch leicht verdientes Geld werden. Aber dann sah ich SIE. Direkt vor der Schirmlady schritt SIE grazil vorweg, eine wahre Offenbarung, einer Göttin gleich schwebte sie förmlich auf mich zu. Sie war eine dieser Frauen, die Feuer entfachten, ohne jemals fürs Löschwasser zu sorgen. In ihren Augen nur die eine Frage, für die wir Männer glaubten immer die richtige Antwort parat zu haben. Ich musste mich entscheiden. Der Schweiß verwässerte meine Gedanken. Was sollte ich tun. Ins Flammenmeer der Leidenschaft, sie für mich gewinnen und mit ihr dem sternenklaren Himmel entgegen – oder doch lieber mein kaputtes Detektivleben retten und den Regenschirm sichern. Mein Verstand war leergefegt, wie die Straßen während des Super Bowl Finales.

Ich wünschte mir meine Herbstdepression zurück.

JHanik

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Im nasskalten Licht
minimal verweilend

den Umbruch wagen
blau in dunkel gegen den Strich

schwimmende Konturen
im Nachtschatten einsam warten

wortlos weiter wollen
gestreifte Sterne erreichend

Irene Rodewald