Archive | März 2015

Wilhelm Morgner, Ziegelbäcker mit Karre, 1911

Wilhelm Morgner Ziegelbaecker
Vor den blauen Karren habe ich mich selbst gespannt, ich bin das Pferd und ich trage die Deichsel des Lebens.
Den Wagen habe ich mit roten Ziegelsteinen beladen. Ich habe ihn hochbeladen und mit Bedacht. Sie werden nicht fallen, sie werden nicht verrutschen. Es sind Lebenssteine – Erlebnisse  aus meinem Leben. Die Steine meiner Kindheit liegen unten auf dem Karren und sind nicht zu sehen. Mein Weg ist vorgeschrieben, in Rot und Gelb in den Wellen des Weges. Mein Wagen holpert und die Steine der Zukunft, die obenauf liegen, zittern ganz unsicher, sie wissen nicht, wo ich hin will. Mein linker Fuss berührt nun das letzte Mal diesen Lebensabschnitt, mit dem rechten Fuss muss der neue grün – gelb gewürfelter Boden betreten werden.
Ich muss geradeaus gehen, weil rechts der Fluss fließt, es bleibt mir keine Wahl. Aber über einen Umweg komme ich in eine Waldung zu den roten Häusern.
Ich trage ein Lebenshemd so, wie andere ein Totenhemd. Obwohl dieses Hemd Frauenpuffärmel hat, habe ich es gewählt. Ich habe keine Scheu feminin zu erscheinen. Dieses Hemd ist praktisch. Mein Kopf und sogar mein Gesicht verschwinden in der großen Kapuze. So kann ich zweierlei tun: meine Arbeit – die ‚Steine zum Bauplatz bringen – und in meinen Gedanken bleiben.
      Mein ungewöhnlicher Begleiter ist der Schatten, in diesem sind meine Gestalt und der des  blauen Wagens verschmolzen. Dieser Schatten ist ein Tier mit langem Hals, dickem Leib und es hat die Schnauze immer an meinen Füssen.
Ich kann sie nicht wegscheuchen.
Die Menschen nennen mich Ziegelbäcker, als ob ich die Steine gebacken hätte!
Am Abend, wenn ich alles abgeladen habe, lege ich mich schlafen und bedecke mein Gesicht mit einem frischen Leinentuch.
Christine Mattner

Gotthard Graubner, Lichttrampolin, 1970

Graupner_Lichttrampolin

Streitgespräch

Eva:
Schwarz muss weg
ist zu düster

Sabine:
Find’ ich nicht
Kontrast muß sein

Eva:
Das mag sein
doch das geht auch anders

Sabine:
Einverstanden
dann weg mit dem Schwarz

Eva:
Rot muss her
das peppt auf

Sabine:
Ja wie Peperoni
im Sahnebett

Eva:
Dazu passt dann auch
das Grün

Sabine:
Noch Pfeffer und Salz
für den Geschmack

Eva:
Wo bleibt da die Kunst
in diesen heil’gen Hallen

Sabine:
Es ist eben kein Einheitsbrei
die Gedanken sind frei

 

Im Museum Weserburg
Januar 2015

Käfig 2014

Käfig

 

Abschied I

Mir fehlt die Energie, weiterhin so zu strahlen, als gäbe es nur mich.

 

Abschied II

Nach mir das Nichts. Dorthin ziehe ich mich nun zurück.

 

Abschied III

Ausbruch aus dem Gefängnis, verschwunden in die Nacht.

 

Abschied IV

Nur ein unverbesserlicher Optimist glaubt daran, dass Licht auch ohne Schatten existieren kann.

 

Der ignorante Optimist – Eine Schmähschrift

Ein Optimist ist ein Schöngeist, er verjagt trübe Gedanken und dunkle Schatten. Wo Schatten ist, verleugnet er ihn. Der Optimist ist nicht er selbst, sondern der, der es ihm erleichtert, sorglos durch sein Leben zu wandern. Er ist ein Schatten seiner selbst. Er lebt in einer Welt, die das Dunkel des Lebens ausgeblendet hat. Der Optimist negiert eine böse Wahrheit, indem er das Gute im Bösen sucht. So blendet er den Schatten aus, der ihn sonst im Dunkeln stehen lassen könnte. Seine Gedanken sind seine Finsternis, der er sich verweigert. So muss er sich nicht quälen mit Dingen, die ihm Unbehagen bereiten könnten. Was er nicht denkt, macht ihm keine Sorgen.

Den, den ich meine, das ist der ignorante Optimist.

Er liebt die Helligkeit, das Strahlen, das Reine – auch dort, wo Finsternis, Trübsinn und Nebulöses auf ihn warten. Er meidet den Blick auf diese Orte. Was er nicht sieht, existiert für ihn auch nicht.

Und so wandelt der ignorante Optimist in einer Welt, in der er glaubt, nur göttliche Güte und Gerechtigkeit zu erkennen, obwohl menschliche Bosheit, Unglück und Verderben auf ihn warten.

Der ignorante Optimist ist unrealistisch optimistisch.

JHanik

Hermine Anthoine, Untitled ’99

WB_Anthoine_Irene

(Bronze, Schmetterlingsflügel)

 

Blauer Falter
die Flügel einst gespannt
Himmelsfalter
im Flug vergeht die Zeit
Tagfalter
mit offenen Augen
die toten Brüder und Schwestern
Nachtfalter
es muss doch möglich sein
dem engen Raum zu entkommen
das Fenster im Blick
der Freiheit entgegen
gelandet auf dem Boden
der Zeit
Zitronenfalter flieh
es ist Bronzezeit
bleib Schmetterling bleib

Irene Rodewald
Oktober 2014

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„Wir alle fallen, diese Hand da fällt, es ist in allen“ R.M. Rilke

Wie in Herbstblattstürmen segeln sie zu Boden. Dort bleiben sie liegen, halb Blätterteppich, halb Blumenwiese. Mit schimmerndem Blau und Grün und Tarnbraun – und Punkten. Sie sehen heißt den Flügelschlag spüren, der nun verloren ist. Und den Flieder, der immer ein Stück zu weit über den Gartenzaun ragte. Mit der Holzbank darunter, schon grau geworden und voller Moos, auf der sie trotzdem immer saß.

Sie sterben, wenn man die Flügel anfasst und damit den Staub an den Fingern kleben hat, haben sie mir früher immer gesagt. Nun liegen sie alle hier und niemand denkt mehr an ihren Staub und wie leicht sie einreißen, die zarten Flügel. Borboletas, Schmetterlinge, verfangen in der Geschwindigkeit von Autos. Die, die noch als grüne und gelbe Wolken über dem Fluss tanzen, wissen nichts von der Gefährlichkeit der Straße. Hier interessiert es keinen und das schöne Wort verwischt in seinem Hall.

Im Sommer – war es wirklich Sommer? – tanzten sie immer über die lila Blüten, vor allem Zitronenfalter und Tigeraugen, d weiß ich noch. Die Katze auf der Lehne, nach ihnen haschend, erwischte doch nie einen. Und manchmal setzten sie sich auf Kopf oder Arm. Dan fächelten sie kurz, als wäre das ihr Art, die warmen Gemüter abzukühlen und blieben einige Zeit andächtig sitzen.

Es hat etwas paradox Beruhigendes, einen hektisch flatternden Schmetterling zu sehen, so wie einen Kolibri, weil deren Tempo alles Menschenmögliche übersteigt. Und einfach nur eine Zeitlang zu sehen. Durchatmen. Doch jetzt segeln sie zu Boden und bleiben liegen, halb Blätterteppich, halb Blumenwiese. Als sei ihr Winter gekommen, würde sie bald mit Schnee umschlingen und ihnen hoffentlich nicht alle Farben nehmen. Nur die Bank ist inzwischen morsch – und der Flieder kahl. Hier wird niemand mehr sitzen. Aber die Schmetterlinge werden sich einen anderen Flieder suchen, wenn wieder Sommer ist.

Johanna Schwarz

Wuramon – das Seelenboot, 2014

WB_Seelenboot_Jürgen_Renate

Wuramon – das Seelenboot

Ich sitze am Ufer ~

in der Abenddämmerung taucht ein Boot auf ~ lautlos

die Insassen ~ es sind Geschöpfe der Erde

zu Wasser und zu Land

und doch aus einer anderen Welt.

Ruhe und Frieden breitet sich aus…

Wie eine sanfte Einladung

empfinde ich, was vor meinen Augen dahingleitet.

„nehmt mich mit …

nehmt mich mit“

rufe ich zaghaft und freudig

und es schalt zurück:

„ein andermal …

ein andermal …

heut´ nicht…“

 

Sonnenmondin