Archive | November 2014

Camille Pissarro: Im Gras liegendes Mädchen

Pissarro_liegendes_maedchen

Hey.
Haben wir dich erwischt!
Ist schon gut.
Wir haben eine Flasche Wein mitgebracht.
Ja ja, natürlich erst die Arbeit und dann das Vergnügen.
Da gehst du uns ja mit gutem Beispiel voran.
Wir machen das schon fertig.
Bleib ruhig liegen.

Seit wir die Genossenschaft gegründet haben ist alles besser. Ich kann in der größten Mittagshitze einfach Siesta machen. Ach, ich schaffe es heute noch nicht mal mehr, mich in den Schatten zu legen Früher wäre das nicht möglich gewesen. Sie haben uns behandelt wie Ochsen. Grade dass wir nicht im Joch liefen, das hätte noch gefehlt.
Und jetzt lieg ich hier. Im Gras. Und bleib liegen.

 

Lisa

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Unverhofft(es) im Gras


Im Unfallbericht der Berufsgenossenschaft las sich der zugetragene Unfall wie folgt:
Die vierzehnjährige Werktätige Josephin H. war von ihrem Arbeitgeber, dem Gutsbesitzer
Hinrich K. zur Rasenpflege eingeteilt worden. Mit einem nicht vorschriftsmäßigen leichten
Sonnenschutz auf dem Kopfe und ohne die arbeitsschutzrechtlich vorgeschriebenen
Arbeitsschuhe des Modells Landwirtschaft betrat Josephin H. die vor dem Gutshaus
befindliche Rasenfläche. Zuvor hatte sie vergeblich nach ihrem Arbeitshandwerkzeug,
einem hölzernen Rechen der Marke Wolf & Söhne Ausschau gehalten. Dieser befand sich
nicht am dafür vorgesehenen Haken im Geräteschrank in der Scheune des Arbeitgebers K.
Die Werktätige H. durchkämmte daraufhin das gesamte Anwesen des Gutsbesitzers,
allerdings ohne Erfolg. Erschöpft und offenbar sichtbehindert durch die Kopfbedeckung,
übersah die Werktätige H. beim Betreten des Rasens den verdeckt im Gras liegenden Rechen,
dessen Zacken nach oben gerichtet waren. Aufgrund der für die Gartenarbeit ungeeigneten
Sommerschühchen und des fehlenden Schutzhelmes schnellte der Rechenstiel empor und traf
Josephin H. mit großer Wucht direkt am Kopfe. Dass sie den Rechen nun doch noch gefunden
hatte, konnte die Werktätige H. nicht mehr wahrnehmen, da sie wenig später am Unfallort verstarb.
JHanik

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Max Slevogt: Die schwarzen Panther, 1902

Die schwarzen Panther

 

Papierpanther

Aus dem Kopf

durch die Hand

mit Restfarben

aus dem Aschemilieu

wähnt Herr S. wohl

das Tier gefangen

 

Auf dass er sich nicht täusche

denn jeder Panther

verließe sofort

diese Reproduktion

Und so bleibt uns

nur die Hülle

 

S.I.

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Sonnenflecken

Beamtin. Sicherheit. Endlich.   –   Dachte sie.
Ein freier Vogel war sie. Flog herum und bediente alle ihre Talente. Geatmet, getanzt, gewirbelt, geneugierelt. Das Eigene hat sie immer wieder neu geboren.

Und dann. Als ob man die Muster der Ahnen nicht einfach abschütteln kann. Sie drängen sich mit Macht in die Großhirnrinde, in das Blut, in die Poren und platzen langsam aber nachhaltig wie ein Geschwür: Sicherheit, Dienen, Maul halten, Still gestanden.

Das Konto wächst, der Panther auch. – Aber nicht der geschmeidige, schwarz glänzende, der durch sein Gebiet schreitet, galoppiert. Nein.

Der geschrumpfte mit dem stumpfen Fell stapft schwer hinter Gitterstäben und bewundert reumütig die Sonnenflecken – draußen.

HAAALT. Genug auf- und abgegangen, hin- und hergelahmt in bewusstloser Routine. – Der Panther küsst den Wärter und – öffnet das Tor. „Willkommen, meine Sonnenflecken.“

Irene Jasca

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Schlechte Aussicht

Ihr habt es nicht anders verdient! Gejagt habt ihr mich. Verfolgt, gehetzt, verletzt und gedemütigt. Für euch war ich nur eine Trophäe, die es galt zu erlegen. Die Gier nach Macht war eure Triebfeder – feindliche Gesinnung das Ergebnis. Euer Jagdfieber hat vor keinem miesen Trick Halt gemacht. Mit Fallgruben und Fallstricken wolltet ihr mich erlegen. Aber ich war zu schlau für euch, war immer eine Tatze voraus. Klar im Verstand, wo ihr von Hass und Trieb geblendet ward. Rücksichtslos durchstreiftet ihr den Dschungel, als sei er eure gute Stube. Aber er ist meine Welt, dort kenn ich mich aus. Mit eurer Brandrodung habt ihr sie zerstört. Euer nie nachlassender Ehrgeiz sollte Furcht einflößend sein. Aber er hat euch nur geblendet, euch eine vermeintliche Überlegenheit suggeriert. Bei meiner Flucht in die Stadt der tausend Tempel glaubtet ihr mich endgültig in die Enge gedrängt zu haben. Aber auch in diesem Labyrinth bin ich zu Haus, ihr nur Eindringlinge. Und so seht ihr nun die Welt nur noch in Streifen. Und den Schlüssel für den Käfig habe ich!

JHanik

Franz Marc: Reh im Blumengarten, 1913

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Waldgefahr

Reh im Blumengarten! Welch alberner Titel. Warum nicht gleich: Rehlein auf der grünen Wiese – hüpf, hüpf, hüpf. Besser noch: Armes Rehlein so verwirrt, weil es sich so arg verirrt. Oder kulinarisch: Unsere heutige Tagesempfehlung: Zartes Rehlein in Milch gebadet, auf einem Bett von Salaten der Saison, begleitet vom Unkraut des Gartens und leicht touchiert von einer Vinaigrette des Grauens.

Ich bin es so satt, künstlerischer Spielball eines Herrn Franz Marc zu sein. Dieser ganze Expressionismus – für mich der reinste Extremismus. Dieser Radikalinski Marc gestaltet mich in Formen und Farben, die weder meiner Natur noch meinem ästhetischen Geschmack entsprechen. Schwindelig wird mir in dieser Position, aber meine Meinung steht hier ganz offensichtlich nicht zur Disposition.

Verrenkt und verdreht stehe, liege oder sitze ich hier und sehe Kimme und Korn auf mich gerichtet. Des Jägers Flinte zaudert noch. Mit einem einzigen Malerstrich könnte er mich befreien, der Franz. Nur eine kleine farbliche Retuschierung meines Felles und ich wäre getarnt und geschützt. Aber stattdessen sitzt der Herr wieder mit seinen Spießgesellen von den Blauen Reitern zusammen und sie philosophieren über die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts. Und ich sitze in der Falle.

Gesträubt habe ich mich, als er mit dem Malerpinsel ansetzte und die ersten feinen Striche mich erkennen ließen. Meister, flehte ich ihn an, lassen sie diesen kubistischen Firlefanz, malen sie mich so, wie der Wald mich kennt. Aber er kannte nur ein Ziel; mich so auf die Leinwand zu bringen, dass auch der Herr Kandinsky voll des Lobes sein würde.

So bleibt mir nur die letzte Hoffnung, indem ich mich vor meinen Häschern mit einem beherzten Sprung in eine andere Epoche der Malerei hinüber rette.

 

JHanik