Archive | April 2014

Dominique Papety: Die Villa…

Dominique Papety Die Villa Raffaels in Rom

Fragment eines Daseins

Es tönt mir weit
in den Ohren
legen sich
Sandflocken
auf meine Glieder
wage nicht
mich zu rühren
sehe durch die
Lider meiner Augen
schwach die Haut
papieren die Knochen
das Eisen erkaltet

In meiner Leere ist
kein etwas

Hier warte
und schweige ich
über den Schrecken
dass mit dem Tod
nichts geht sondern
hier bleibt
festgehalten
erkaltet

Ich bin
außerhalb
der Leere
mit
Knochen
und
Haut
und

Lisa Barth

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Die Urlaubsreise

Endlich Urlaub! Monatelang habe ich mich auf diesen Tag und die darauffolgenden zwei Wochen gefreut. Es ist Sommer – Mitte August und ich stehe mit meinem Koffer in der Einfahrt zum Hotel und blicke sehnsüchtig auf die Villa, die mich die nächsten vierzehn Tage beherbergen wird. Erschöpft von der Anreise und der Hitze des Tages aber dennoch innerlich freudig angespannt bleibe ich einige Minuten unter einer Trauerweide stehen. Der Schatten tut gut. Was mich wohl erwarten wird? Das Hotelprospekt hat gediegenen Luxus versprochen. Eine Künstlerherberge – damals wie heute.

Bereits letztes Jahr hatte ich diesen Urlaub gebucht. Eine Schreibreise, die den Spuren Raffaels nachgehen soll, war im Flyer angekündigt worden – ganz nach meinem Geschmack. Zu welchen Texten mich wohl die Villa und ihre Umgebung inspirieren wird?

Es ist sehr still. Keine Geräusche dringen aus dem Haus. Selbst hier draußen hört man nichts. Kein Vogelgezwitscher, keine Straßengeräusche. Die Villa liegt weit abgelegen vom Zentrum Rom’s. In der Ferne sehe ich die Kuppel vom Petersdom. Überall verteilt in der Gegend Zypressen im satten dunklen Grün. Wie herrlich!

Mein Blick geht wieder hin zur Villa. Alle Rolläden sind heruntergelassen. Ich schaue auf die Uhr: Der Zeiger steht auf Zwölf. Es ist Mittagszeit – Ruhezeit. Ich nehme meinen Koffer in die Hand und gehe die Auffahrt hoch. Der Kies knirscht unter meinen Füßen. Die Sonne brennt mir auf den Kopf und ich sehne mich nach einer kalten Limonade. Gleich werde ich in die Villa eintreten und an der Rezeption die Anmeldeformalitäten erledigen. Danach werde ich meinen Zimmerschlüssel erhalten und endlich auf mein Zimmer gehen können. Die Vorstellung von einer erfrischenden Dusche und dem kühlen Leinen der Bettdecke lassen meine Schritte schneller werden. Während ich auf die Villa zugehe schaue ich an der Fassade des historischen Gebäudes hoch. Farbe blättert von den Wänden. Mein Blick wandert weiter bis zum Obergeschoss. Irgendetwas stört mich plötzlich. Was ist es nur? Mir wird bewusst, dass alles etwas verwahrlost wirkt. Nun ja, es ist ja auch schon ein altes Gebäude, beruhige ich mich und gehe nun mit eiligen Schritten die letzten Meter zur Eingangstür. Ich sehe, dass dort ein Schild angeschlagen ist. Wahrscheinlich Informationen zum Haus. Endlich stehe ich davor und habe bereits die Türklinke in der Hand als ich ungläubig die Zeilen auf dem Aushang lese:

„Wegen Bauarbeiten geschlossen!“

S.M.

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Guten Morgen !

 

Da hat mich doch die Sonne geweckt. Noch kein Mensch wach, also auch kein Frühstück und der Wassernapf ist auch leer. Aber gähnen und recken und faul herumliegen auf meiner Decke, dass ist ja auch nicht schlecht.
Na klar, auf meiner Decke, warum auch nicht dazu habe ich sie ja schließlich und schön weich ist sie auch.
Ach so, richtig, ich könnte mich vorstellen, ich bin Raffael. Nein, nein, ich male nicht, denn ich bin der Hund des Hauses. Sie haben mich nach Raffael genannt einem Maler, der hier einmal gewohnt haben soll. Aber den Maler kenne ich nicht.
Ah, da höre ich jemanden, meist kommt sie als Erste. Richtig da ist sie schon die Frau, die oft in der Küche ist und Renata gerufen wird. Ich schiebe ihr den Wassernapf vor die Füße.
„Hallo Raffa“, begrüßt sie mich.
Ich wedele mit dem Schwanz als die mir Wasser gibt.
Renata macht sich in der Küche ans Werk. Sie kocht Kaffee, brät Eier, schneidet Brot, presst Orangen zu Saft.
Nach dem Wasser habe ich mich erstmal wieder auf die Decke in meinem Körbchen gelegt.
Wie bestellt erscheint Herrchen Guido, als das Frühstück auf dem Tisch der Wohnküche steht und Renata gerade schaut, ob sie etwas vergessen hat.
Ich finde Renata hat etwas ganz wichtiges vergessen. Sie hätte mir mal einen von den leckeren Keksen geben können, die mit dem Wurstgeschmack. Die kriege ich viel zu selten und das ärgert mich.
Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte auf den Tisch zu und knurre. Herrchen wirft mir einen missbilligenden Blick zu. Ich setzte mich und mache so freundlich ich kann Männchen. Als mich keiner beachtet belle ich.
„Ruhig, Raffael“, schimpft der Hausherr.
Ich stelle mich auf alle vier Pfoten und schleiche davon, so etwas dummes kein Keks.

Bald verlässt Guido das Haus. Ich lieg ein meinem Körbchen und bin immer noch beleidigt.
Die kleine Tochter Estella wird von Renata nach unten geholt.
Wir mögen uns sehr Estella und ich. Estella hat wunderbare schwarze Locke, genau wie ich. Na gut, die von Estella sind ein wenig länger und auch etwas weicher und außerdem habe ich keine rote Schleife.
Während Estella frühstückt, geht die Mutter nach oben, um sich um die Schlafzimmer zu kümmern. „Esse schön weiter, ich komme gleich wieder“, ruft sie der Tochter noch zu.
Estella nimmt lustlos noch einen Bissen, rutscht vom Stuhl, sieht die offene Küchentür, die den Weg zum Garten frei gibt und läuft hinaus. Estella mag das Wasser und sie läuft zum Gartenteich. Sie kniet sich auf die Begrenzungssteine und schaut nach den Goldfischen im Teich.
„Komm Raffa, sieh nur“, ruft sie.
Na, gut, dann will ich den Schmollwinkel mal verlassen, sie kann ja nichts dafür, dass es keine Kekse für mich gibt. Ich trotte Richtung Tür. Dort angekommen ziehe ich das rechte Bein hoch und kratze mich hinter dem Ohr, diese Fliegen und dann noch so viele. Ich setze mich auf die Türschwelle und blinzele in die Sonne. Ich sehe wie Estella im Teich nach den Fischen schaut. Sie gluckst vor vergnügen, wenn ein Schmetterling vorbeikommt.
Sie hat Spaß, denke ich, lege den Kopf auf die Vorderpfoten und bin grade so fast eingedöst.
Ein heller, gellender Schrei, lässt mich erschrocken aufspringen. Erst mal bellen, dass ist immer gut, aber was ist eigentlich los.
Estella, wo ist sie? Estella im Teich mit dem Gesicht nach unten, das kann nicht gut sein. Laut bellend bin ich mit einigen Sätzen im Teich. Ich packe ganz vorsichtig den Knöchel des Kindes, bloß nicht zu fest. Ich kann Estella aber nur bis an den Rand ziehen. Ich springe aus dem Wasser, wieder belle ich so kaut ich kann. Kurz glaube ich den Schatten von Renata zu sehen. Ich verbeiße mich ganz vorsichtig in Estellas hübsches Kleid und ziehe was ich kann. Estella hebt sich ein wenig, aber ich bekomme sie nicht über den Rand. Ich hole tief Luft, jetzt nur nicht aufgeben. Ich ziehe noch einmal so fest ich kann. Und endlich es ist geschafft. Jetzt sehe ich, dass Renata dazugekommen ist und mitgeholfen hat.
Estella meine Kleine, jammert die Mutter und versucht das Kind zu beatmen.
Ich lege mich schnaufend ins Gras und warte. Oh, nein, irgendetwas war nicht so gut. Nach einer Weile hustet Estella ganz furchtbar und dann spuckt sie auch noch Wasser. Entsetzt robbe ich en wenig zurück.
Renata umarmt das Kind und weint. „Wie geht es dir, Estella, sag doch bitte was“, ruft sie bittend.
Estella schaut die Mutter an. „Geht schon wieder“, meint sie tapfer und lächelt. Die Mutter nimmt das Kind auf den Arm. „Das ist ja gerade noch mal gut gegangen“, seufzt sie dankbar. Damit verschwinden die beiden im Haus.
„Und ich“, denke ich. „Was ist mit mir.“  Dann stelle ich mich auf die Pfoten, trotte ins Haus auf meine Decke und döse müde von meinen Taten ein.
Irgendwann weckt mich eine stürmische Umarmung. Es ist Estella, inzwischen wieder sauber und trocken.
Renata streichelt mich und sagt: “Raffa, mein guter, du bist unser Held.“
Und dann servieren mir die beiden ein Superfrühstück. Mehr Wurstsorten habe ich noch nie gesehen und in großer leckerer Knochen ist auch dabei. Das ist eine große Freunde!

Bärbel Richling, April 2014 

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Freundschaftliche Bauhelfer

In der Gebrauchsanleitung „mie casa“ stand nur lapidar: Nach Fertigstellung des Fundaments setzen sie die einzelnen Quader in der Reihenfolge ihrer fortlaufenden Nummerierung in- und aneinander. Das schien mir verständlich und umsetzbar – auch mir, der ich sonst einen Nagel nicht von einer Schraube zu unterscheiden weiß. Ich muss allerdings gestehen, dass das Ergebnis meiner baulichen Aktivitäten einer kritischen fachmännischen Begutachtung wohl nicht standzuhalten in der Lage wäre. Optimisten würden von einer großzügigen Raumgestaltung sprechen. Zugegeben – auch mir erschienen allein die Ausmaße meiner Empfangshalle arg überdimensioniert. Sie erinnerten doch sehr an die stazione centrale in Rom. Diese Bahnhofshalle könnte für mein Haus Pate gestanden haben. Zunächst erschien es mir nicht recht greif- und erfassbar, weshalb mich die Empfangshalle meines Traumhauses so in Irritation versetzte. Aber als ich die oberen Räumlichkeiten besichtigen wollte, machte diese Irritation ungläubigem Erstaunen Platz. Wo ich den Aufgang erwartete – gähnende Leere. Ein Bauteil fehlte. Eine Empfangshalle in einem mehrstöckigen Haus ohne Treppenaufgang! Ursachenforschung! Wir hatten doch streng nach Bauplan gearbeitet. Meinem hilfsbereiten Freund Lancelot-Theodore waren während der verschiedenen Bauphasen auch keine Bedenken gekommen oder bauliche Absonderheiten aufgefallen. Zunächst wollte ich ihn zu Rate ziehen. Aber er würde sicherlich auch noch nebenan mit seinem Neubau beschäftigt sein. Diesen hatte er noch während meiner Bauphase auf seinem Grundstück begonnen. Ein für uns alle überraschender spontaner Hausbau. Sein Gebäude – sehr schlicht, bescheiden, geradezu spartanisch. Nur ein einziger Wohnraum. Merkwürdig nur – führte doch in seinem eingeschossigen Haus ein großzügiger Treppenaufgang nach oben – ins Nichts! Es schien ganz so, als ob das Fundament unserer Freundschaft einige Risse bekommen hatte.

JHanik

 

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