Maurice Utrillo: Kirche in Villetaneuse

Maurice Utrillo_Kirche in Villetaneuse

 

Jetzt lag die Straße leer da. Die Bewohner der Kleinstadt ruhten vom Mittagessen aus. Es war schwül, höchste Zeit, dass ein Gewitter die Luft reinwusch. In der Ägidius-Kirche saß Don Alfredo in seinem Beichtstuhl und döste. Ob heute noch ein Sünder kam und ihn mit schmutzigen Geschichten versorgte?
Die Kirchentür knarrte. Don Alfredo hörte Schritte.  Er zog den Vorhang des Beichtstuhls vorsichtig zur Seite, nur einen Spalt weit. Er sah zwei Männer, dunkel gekleidet, sie kamen langsam auf ihn zu. Der Größere trug einen Sack, ein länglicher Gegenstand zeichnete sich ab. Vor dem Seitenaltar, wenige Meter vom Beichtstuhl entfernt, blieben sie stehen. Der Kleinere griff nach der Jungfrau Maria, umfasste Brust und Rücken, der Andere zog aus dem Sack ein Beil hervor und hieb auf den Sockel der Jungfrau ein. Mit wenigen Schlägen löste er Maria aus der Verankerung und hielt den Sack auf, während der Kleinere unter Stöhnen die Figur hineingleiten ließ.
Don Alfredo merkte, dass ihm der Schweiß über Gesicht und Rücken lief. Jetzt galt es, Maria zu retten. Er setzte zu einem Schrei an. „In Gottes Namen, versündigen Sie sich nicht!“, wollte er rufen.
Stattdessen sank er wie gelähmt in sich zusammen und blieb stumm.
Der Große wuchtete den Sack auf seine Schulter; unauffällig, wie sie gekommen waren, verschwanden sie.
Was aber sollte Don Alfredo seiner Gemeinde erzählen? Alle wussten doch, dass er um diese Zeit im Beichtstuhl saß!

H.S.

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Den Tag über hatte die Kirche in der Sonne geschwitzt. Die Hitze der Straße war bis hoch ins Gebälk gestiegen und legte ein Gewand auf die Glocken, das nach Staub und Stein und Bronze roch.
Als sich der Abend auf das Dach niedersenkte, begann das Gebälk zu sprechen. In tiefen Tönen zog und drückte es gegeneinander und blieb nur unerhört, während die Glocken nach Regelmäßigkeit riefen.
Die Luft kühlte sich ab und die Fenster ächzten im Rahmen, die Ziegel an den Wänden und in den Mauern stöhnten. Noch immer staute sich die Hitze unter dem Dach. Die Holzstufen schwiegen resigniert und die Glocken hingen tonlos im Turm. 
Dann, mit einem Mal, öffnete sich ein Fenster. Der kalte Luftzug ließ alle wonniglich durchatmen. Das Fensterbrett knirschte unter der Last zweier Füße, nur kurz, dann gaben diese es wieder frei.
Das Fenster blieb die Nacht über offen, so dass sich der Turm zu alter Schönheit reckte, so kam es ihm vor, und in seine volle Höhe. Hoch genug für einen Sprung in die Tiefe war er schon oft gewesen. Aber heute labte die kühle Luft jedes Holz und jeden Stein. So ist es gut, dachte das Kirchendach. Und der Turm stimmte ihm zu.

Lisa Barth

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die Straße – leergefegt
die Kirche – weiß gekalkt
weiß wie die Unschuld
die Schuld, wer hat Schuld
und vergib uns unsere Schuld
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern
habe ich Schuld
habe ich gesündigt
mit Gedanken, Worten und Werken
Buße sollst du tun
tue Buße, knie nieder
knie nieder vor deinem Herrn
die Glocken läuten
es wird Zeit
Zeit zu gehen
aber wohin denn sollten wir gehen
die Tür ist verschlossen
ich bin ratlos
irre umher
finde keinen Weg
und führe uns nicht in Versuchung
Mutter unser
ist das jetzt eine Versuchung
wer gibt mir Antwort
ich höre die Männer
im Gasthaus, sie reden
wir wollen die Kirche mal im Dorf lassen
gut, wir lassen sie im Dorf
wir lassen alles
wie es ist und war und immer sein wird
die Kirche – weiß gekalkt
doch eines Tages wird der Putz von den Wänden rieseln
auf den Tag freue ich mich
ich werde im Schoß meiner Göttin sitzen
und wir werden ihnen zurufen:
fürchtet euch nicht, es ist nur der weiße Kalk!

Irene Rodewald

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Ich lehne an der Hauswand und blicke die Straße entlang. Ich bin verabredet. Schon seit geraumer Zeit stehe ich hier und beobachte das Geschehen. Der Mann mit dem ich verabredet bin, ist wieder mal nicht pünktlich. Es ist nicht viel los auf der Straße. Eine gewisse Trägheit liegt in der Luft. Es ist heiß und drückend.  Mein Mund ist trocken und ich sehne mich nach einer kalten Limonade. Die Sonne hat sich hinter den Wolken versteckt als wenn sie keine Lust hat, sich öffentlich zur Schau zu stellen. Nur wenige Menschen haben sich in dieser Hitze auf die Straße gewagt. Geradeaus vor mir steht eine alte Kirche. Schlicht gebaut, mit einer weiß gekalkten Fassade, einen kleinen Glockenturm und einer dunklen, schweren Eichenholztür. Vor einer Viertelstunde war für einige Minuten vor dieser Tür  fröhlicher Trubel. Eine Hochzeitsgesellschaft versammelte sich nach dem Gottesdienst dort für ein Familienfoto. Die Braut, ganz in weiß mit vielen Rüschen und einem langen Schleier, blickte ihrem frisch angetrautem Ehemann glücklich in die Augen. Sie sahen so zuversichtlich aus, so frei von allen Sorgen. Ich ertappte mich dabei, dass ich die Beiden um diese Zuversicht beneidete. Wie gut, dass sie nicht ahnen, was noch alles auf sie zukommen kann. Nun sind sie alle fort, wahrscheinlich zu einem gebuchten Restaurant gefahren. Das Glockengeläut ist verstummt und die monotone Stille hat wieder die Regie übernommen. Vereinzelt höre ich Insekten summen.

Ich schau auf die Uhr und sehe dann nach rechts und links. Meine Verabredung scheint heute nicht stattzufinden, was mich mittlerweile nicht mehr stört. Nein im Gegenteil, ich bin sogar erleichtert. Das Thema habe ich soeben abgehakt, auf Unzuverlässigkeit kann ich verzichten, das brauche ich nicht. Ich stoße mich leicht von der Hauswand ab und blicke noch einmal zur Kirche und denke „Irgendwann vielleicht noch einmal…mit dem Richtigen“ und gehe langsam davon.

S.M.

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In meinem Inneren rumorte es mächtig. Dieser Sonntag war anders als all die anderen Sonntage. Schon der Gesang des Chores wirkte regelrecht bedrohlich. Er ließ mein Mauerwerk erzittern. So hatte dieses Gemäuer die Matthäus-Passion noch nie vernommen. Düsterer nur noch die Gebete der Gläubigen, die wieder zahlreich dem Ruf der Kirchenglocken gefolgt waren. Selbst die Predigt unseres Pfarrers versprach wenig Hoffnung auf ein gutes Ende. Vor mir auf dem Dorfplatz gähnende Leere. Nur der verführerische Duft aus den sonntäglichen Kochtöpfen durchstreifte die Gegend und zog durch das Kirchenschiff in die Nasen der Kirchgänger. Der Duft, der die Stimmung endgültig auf den Siedepunkt zu bringen schien. Alle wussten zwischenzeitlich Bescheid. Die Kirchenbänke besetzt von Menschen mit sorgenvollen Gesichtern. Ihr zunehmendes Magenknurren war unüberhörbar. In der Sakristei der Küster auf ergebnisloser Suche. Die Geduldsfäden der Gläubigen nahmen an Spannung zu. Der Unmut wuchs. Und die Kirchenuhr näherte sich unaufhaltsam dem Ende des Gottesdienstes.

Als sich am Morgen das Kirchentor hinter den Gläubigen schloss, ahnte zunächst niemand, welchen Verlauf der Gottesdienst nehmen würde. Mit einem vertrauten Geräusch fiel das schwere Kirchentor ins Schloss. Erste Unruhe kam auf, als der allseits beliebte Küster der Gemeinde in gebückter Haltung suchend durch die Reihen der Kirchgänger streifte. Wonach er suchte, blieb zunächst unklar. Wenig später aber durchströmte ein Gerücht die Reihen der Betenden und nahm zwischen ihnen Platz. Es hieß, das Kirchentor sei verschlossen und der Schlüssel unauffindbar. Pfarrer Michaelis mühte sich vergeblich, die Aufmerksamkeit seiner Schäflein zu erreichen. Zum Glockenschlag Punkt zwölf tauschten Gerücht und Wahrheit ihre Positionen. Das Kirchentor war und blieb verschlossen. Und während sich die Gemüter der Pfarrgemeinde weiter erhitzten, kühlte sich der heimische Sonntagsbraten langsam ab.

JHanik

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Unsere Straße

Ja, ja unsere Straße
noch ist alles friedlich,
nur der alte Pierre geht wie üblich
sich seine Zeitung holen.

Aus der Kirche hört man schon den Chor,
immer und immer wieder die gleiche Strophe singen.
In der Schule üben Kinder, Männer und Frauen
ihre Schritte für die Tanzvorführung
und hinten in der Scheune spielt das Dorfblasorchester,
dass selbst die Tiere heute die entlegenste Weide vorziehen.

In zwei Stunden ist es mit der Ruhe vorbei.
Dann kommen alle Schlafmützen aus ihren Löchern
und wollen dem Spektakel beiwohnen
~ 125 jähriges Stadtjubiläum ~
alle werde auf den Beinen sein…
selbst vom Nachbardorf kommen sie herbei geströmt.

Händler verkaufen von ihren Karren herunter klebrige Süßigkeiten,
wie auch Mengen unsinniger Dinge, die niemand braucht.
Aber alle sind vergnügt und froh gelaunt und wollen feiern …
da wird gelacht, getanzt, gesungen und geschäkert,
wie jedes Jahr.

Nur Pascal, der Maler, hat heute seinen aller besten Tag,
denn in seiner Weinlaune möchte sich so manch einer
portraitieren lassen.

Morgen früh jedoch,
wenn die Straße wieder friedlich ist,
holt der alte Pierre seine Zeitung…
wie jeden Tag ~ so ~ als wäre nichts geschehen.

Sonnenmondin

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Schon viele haben das Dorf verlassen und sind in die Stadt gezogen. Doch ich, ich möchte das das nicht!
Hier ist mein zu Hause. Im Laden an der Ecke steckt mir Tante Liese immer Bonbons in die Tasche, wenn Mutti gerade nicht schaut. Die Schule ist auch gleich links hinter der Kirche, da kann ich zu Fuß hin laufen und muss noch nicht mal mit dem Fahrrad fahren. Fahrrad fahren mag ich nicht!
Papa sagt immer ich soll mir keine Sorgen machen, aber in letzter Zeit streiten sie sich immer, also Papa und Mutti. Und Paul, mein bester Freund, der ist auch nicht mehr da. Das macht mich wütend, also hab ich mal ein ernstes Wort mit Gott gesprochen, aber ich glaube, dass er mich von zu Hause nicht hören kann. Deshalb bin ich heute ganz früh aufgestanden und versuche es in der Kirche nochmal, vielleicht ist die Verbindung dort besser.
Lina El-Hadidi
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