Carl Vinnen: Landschaft mit Windmühle, 1912

Carl Vinnen- Landschaft mit Windmühle

 

Geisterwind, Geisterwind
ich kann Dich hören
die zerzausten Flügel dreimal gedreht, dann ist alle Hoffnung dahin.
Deine heulende Fülle jagt Deine Boten.
Strudelndes Brackwasser sucht seinen Weg, es riecht nach Verfall.
Das Jahr rennt auf sein Ende zu, noch fünfmal kreisen die Windmühlenflügel, dann ist es vollbracht.

Geisterwind, Geisterwind
Der Mond zeigt Dein Treiben.
Die Mühle ist Dein Tempel und unsere Hoffnungslosigkeit Dein Lohn.

Geisterwind, Geisterwind
Deine Kälte nimmt unsere Kraft, Du beißt und Du schneidest.
Gleich, gleich – ist das Licht hinter den Wolken,
einmal noch bewegt sich das Windrad, dann bricht es entzwei.
Alles steht still,  jetzt ist es vorbei.
Geisterwind, Geisterwind – nun bist Du frei.

Die alte Mühle der Familie Mävers wird im Volksmund „Geistermühle“ genannt. Aus bisher nicht erforschtem Grund gedeihen auf den umliegenden Feldern und Weiden weder Pflanzen noch Tiere. Auslöser dieses Zustandes soll ein nicht aufgeklärtes und ungesühntes Verbrechen der Familie sein. Die Aufzeichnungen über seltsame Geschehnisse im Zusammenhang mit der Mühle beginnen im Jahre 1796 und sind in der Familienchronik gesammelt.

Mwa

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Flügelgerippe

vergeblich schlagend
gegen Stürme der Zeit

Und kreischend Krähen
entfliehn
dem Morast
der Einsamkeit.

Kein Halt im Himmel
flehend gereckten Fingern

Und echolos und ohne Wiederkehr
Seufzer verschwinden
in gurgelnden Schlünden
schwarzschlürfender Strudel.

Apokalypse
im Teufelsmoor.

Raphaela

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Im morbiden Licht

der kahle Flügelschlag
schwarzer Vögel

zerfetzen die Wolken
tobt das Wasser
das Tor geöffnet
der Himmel weit

ich verlasse das Grün
gehe stumm dir entgegen
du siehst meine Trauer
zwischen den Wolken zart
ein helles Blau

Irene Rodewald

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Zerfleddert

Weißt du noch, wie wir ihn in dieses dunkle brackige Wasser
getaucht haben, immer wieder, immer wieder?
Es war so ein todgeweihter Tag mit krähenden Rabenvögeln
und zerrissenen Wolken, die versuchten, sich gegenseitig
Angst zu machen.

Mir war  kalt und ich fühlte mich abgrundtief allein,
so wie sie sich gefühlt haben musste.  Nur diese jämmerliche
Windmühle war Zeuge, damals und dann.

Als er über und über mit torfigem Schlamm bedeckt war,
wurde mir warm, und die Todesangst in seinen Augen beruhigte mich.
Er würde es nie wieder tun.

Da endlich konnte ich ein Blau hinter den Wolkenbergen sehen,
und der Wind konnte sich ausruhen.

Gwyneth

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Herzensbedürfnis

Da bin ich nach 70 Jahren
hier noch einmal hergekommen ~
in die Gegend meiner Kindheit
… ein rechtes Herzensbedürfnis…

Doch statt Sonnenschein bläst der Wind
und  Regenwolken brauen sich zusammen,
aber was will ich von einem Novembernachmittag
anderes  erwarten.

Die alte Mauer steht noch da,
auf der haben wir früher herumgeturnt …
die Erinnerungen, wie schön sie sich zeigen,
dabei ist die Realität kalt und ohne Hoffnung,
nahezu bedrückend.

Der Zerfall der Mühle stimmt mich melancholisch ~
wie freuten wir Jungs uns doch
wenn wir dem Müller helfen durften.

Ich rieche noch das Korn und erinnere den Mehlstaub
in meiner Nase ~ wie unbedarft wir damals waren…

Wo es wohl den kleinen Hendrik hinverschlagen hat?

„Ach Simon, mein Sohn, lass uns nach Hause fahren ins Warme
und vorher noch beim Bäcker ein frisches Brot mitnehmen.“

Sonnenmondin

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Ich über mich hier im Moor nachdenken. Das hatte mein Therapeut mir empfohlen.
Und das auch noch im Herbst! Im Herbst im Moor! Saugen Sie alles auf, was um Sie herum passiert, seien sie offen, lassen Sie sich Wirbelsturm und Geisterwind um die Ohren wehen. Stellen Sie sich der raumgreifenden allgegenwärtigen Melancholie des Moores. Und so wandelte ich in morbider und zerfallener Hoffnungslosigkeit dieser landschaftlichen Apokalypse. Die düsteren Regenwolken schienen direkt auf meinem schweren Gemüt Platz nehmen zu wollen. Ich tauchte ein in brackiges Wasser und stolperte über zerfallene Mauern. Aber stehen Sie wieder auf, hatte er mir noch mit auf den Weg gegeben. Kaum hatte ich mich wieder erhoben, stürzten die schwarzen Vögel auf mich herab. Ich suchte Schutz im nicht vorhandenen Schatten der Windmühle. Aber ihr heulender Wind zerschneidender Flügelschlag ließ mich zunächst erschauern und dann in tiefe Bewusstlosigkeit fallen. Aus ihr wieder erwacht, glaubte ich neben mir den morbiden Atem der sagenumwobenen Moorhexe zu spüren. Aber es war nur meine Herbstdepression, die mir entgegenwehte.  In der Ferne dann das dampfende Geräusch vom Moorexpress, die Fahrgäste winkten mir begeistert zu, schienen mich als Touristenattraktion im Moor zu sehen. Mein Albtraum nahm einfach kein Ende. Ohne Hoffnung, in tiefer Trauer, einsam und allein suchte ich einen Weg aus dieser landschaftlichen Tristesse. Ich folgte ausgetrampelten Pfaden auf moorastigem Grund. Ich steckte bis zu den Waden im Moder der Jahrhunderte, die Sicht keine zwanzig Meter weit. Der einsetzende Schlagregen schlug mir förmlich ins Gesicht, löste die dampfenden Nebelschwaden auf – aber einen Ausgang aus dieser ungastlichen Gegend zeigte er mir nicht. Die Gedanken an meinen Therapeuten nahmen zwischenzeitlich abgrundtiefe bitterböse Züge an. Ich schwor mir, sollte ich dieser moorigen Unwirklichkeit jemals wieder entfliehen können – ich würde meiner Herbstdepression ein Zuhause geben und meinen Therapeuten keinen einzigen Cent mehr.

JHanik

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