Archive | November 2013

Arnold Böcklin: Der Abenteurer, 1882

abenteurer

Vorwärts

Vorwärts immer vorwärts
erhobenen Hauptes
dem Ziel entgegen
mehr mehr mehr
das Pferd antreibend
nicht sehen wollen die Gefahr
zertretend die Knochen
zersplittern die Schädel

vorwärts immer weiter vorwärts
erhobenen Hauptes
den Blick nach vorn
zermalmend die Rippen
was bleibt vom tapfren Rittersmann
wenn im Kampf er fällt
mehr mehr mehr
mehr Tote mehr Leid
was ich nicht sehe
gibt es nicht

vorwärts vorwärts vorwärts
ach gäbe es doch ein Boot
so würd ich segeln zur Insel
von der Schuld
mich waschen rein
mehr mehr mehr
nein weg mit diesem Wunsch
er darf nicht sein
ein Rittersmann niemals hat Angst
vorwärts vorwärts vorwärts
mehr mehr mehr

Irene Rodewald

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Nun sitz ich hier, der edle Don Quijote in aufrechter Haltung
geht auch nicht anders in diesem blechernen Harnisch –
habe mein Heimatland und treuen Diener verlassen
um allein die Welt zu erobern –

Vermisse schon jetzt die Windmühlen
mit deren Flügeln ich so vortrefflich kämpfen konnte –
schaue um mich und sehe nur Wasser, unendlich viel Wasser,
macht mir keine gute Laune, denn schwimmen kann ich nicht –
und das Segelboot benutzen ist nicht ratsam,
da mein geliebter Gaul nicht seefest ist .

Ich schaue rechts, ich schaue links und wieder rechts
und ….sehe nichts – nein gar nichts –
da sind keine Krieger zu sehen
denen ich einmal zeigen könnte, was ein richtiger Kämpfer ist.

Was nun –
Rosinante die getreue vierbeinige Partnerin meiner unerschrockenen Kämpfe,
senkt ihren Kopf und schaut schockiert auf die ausgebleichten Überreste
ehemaliger Besucher dieses Strandes –
sie weigert sich, weiter zu gehen
und ich sitze immer noch aufrecht und schaue nach rechts –

sehne mich nach meinem Zuhause
wo man mich kennt und von mir nicht erwartet
Taten zu vollbringen, die Knochen in dieser Form hinterlassen –
wie komme ich bloß wieder in das Land meiner so viel besungenen Heldentaten?

Eva Otterstedt

 

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Ernst Ludwig Kirchner: „Straßenszene bei Nacht“

Kirchner Straßenszene

Frau in Lila mit rotem Hut
sieht nicht die Figur zwischen dem Mann mit dunkel blauen Zylinder
und rothaariger Frau mit Regenschirm und blau-grüner Kopfbedeckung

Männer mit Kleidung in Blautönen
machen eine Pause
und sprechen miteinander

Auto mit rot-lila Felgen
überquert die mittelblaue Farbe
und versucht, die dunkelblaue Linie zu überfahren

Menschen in verschiedenen Farbnuancen
stehen und bewegen sich
vor rosa leuchtenden Fenstern

Werbetafeln in bunter Vielfalt
in lila-rosa-grün   rot-rose   rot-blau-gelb-rotgelb   und   blau-rot-rose
werben für die Freuden des Lebens, besonders für ein Variete

Sterne leuchten rosa am blauen Himmelszelt
sie strahlen friedlich in die Nacht
und versuchen, die Stadt mit ihrem Schein zu erhellen

Flächen in lila und rot-lila an den Seiten des Bildes
versuchen alles zusammen zu halten
können aber damit nicht die Einsamkeit der Menschen aufheben

Eva Otterstedt

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Bogarts Gewissenskonflikt

Dieser Auftrag schien mir die Gelegenheit endlich wieder meiner Herbstdepression entfliehen zu können. Leicht verdiente Dollars – schnelles Geld. „Mister Bogart, finden Sie meinen Regenschirm wieder,“ so lautete sein Auftrag. Über seinem Namen ließ er mich ebenso im Dunkeln, wie über weitere Anhaltspunkte. Mir war sofort klar: Die Mafia ließ grüssen. Dunkelblau mit hellgrünem Griff, zuletzt gesehen zwischen des Varietetheater am Sunset Boulevard und Jimmys Cocktailbar, soviel Infos gab er dann noch preis.

Ich schnappte mir meinen Trenchcoat, die 38-iger lässig im Halfter und ab ging es in den Dschungel der Großstadt. Meine berühmte Spürnase sagte mir, dass ich dieses edle Stück nur dort würde finden können, wo sich die feinen Herrschaften der Unterwelt ein Stelldichein gaben. Im Varietetheater hatte schon so mancher sein Herz verloren, warum nicht Mal einen Regenschirm. Mein Plan war so einfach, wie genial. Getarnt hinter meiner New York Times nahm ich meinen Beobachtungsposten direkt gegenüber des Theaters ein. Meine Kippe lässig im Mundwinkel peilte ich zunächst die allgemeine Lage. Jedes Detail konnte von entscheidender Bedeutung sein. Nun musste ich nur noch auf den Regen warten. Sobald sich der Dieb zu erkennen gäbe, würde ich einer Klapperschlange gleich blitzschnell zuschlagen. Der Wimpernschlag eines Moments reichte mir häufig, um die Probleme meiner Auftraggeber zu lösen.

Zugegeben, im Moment war ich ein wenig aus der Übung. Die Herbstdepression. Heute sollte also wieder die Übung den Meister machen. Die Nacht so klar wie mein Verstand, am Himmel kein einziges Wölkchen. Der Schweiß auf meiner Stirn erinnerte mich daran, mit wem ich es zu tun hatte. Ohne diesen Schirm war mein Leben keinen Cent mehr wert. Die Stunden vergingen. Der Regen ließ auf sich warten. Spürte ich da ein gewisses Unbehagen in der Magengegend? Bleib locker, Mann.

Aber meine Warterei sollte sich lohnen. Die feine Dame nutzte ihn als Sonnenschirm. Das würde nun doch noch leicht verdientes Geld werden. Aber dann sah ich SIE. Direkt vor der Schirmlady schritt SIE grazil vorweg, eine wahre Offenbarung, einer Göttin gleich schwebte sie förmlich auf mich zu. Sie war eine dieser Frauen, die Feuer entfachten, ohne jemals fürs Löschwasser zu sorgen. In ihren Augen nur die eine Frage, für die wir Männer glaubten immer die richtige Antwort parat zu haben. Ich musste mich entscheiden. Der Schweiß verwässerte meine Gedanken. Was sollte ich tun. Ins Flammenmeer der Leidenschaft, sie für mich gewinnen und mit ihr dem sternenklaren Himmel entgegen – oder doch lieber mein kaputtes Detektivleben retten und den Regenschirm sichern. Mein Verstand war leergefegt, wie die Straßen während des Super Bowl Finales.

Ich wünschte mir meine Herbstdepression zurück.

JHanik

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Im nasskalten Licht
minimal verweilend

den Umbruch wagen
blau in dunkel gegen den Strich

schwimmende Konturen
im Nachtschatten einsam warten

wortlos weiter wollen
gestreifte Sterne erreichend

Irene Rodewald