Archive | September 2013

Max Beckmann: Zwei Mädchen aus Jütland, 1905

Beckmann_Kinder

 

Märtha und Marie – zwei Mädchen aus Jütland

Ihre Mutter hat sie dort plaziert, vor der weißen Wand des Hühnerstalls. Zur Strafe sitzen sie dort!
Heute will ihre älteste Schwester Marlies heiraten. Seit Tagen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren Die ganze Familie hat gekocht, gebraten und gebacken, um alle Gäste bewirten zu können. Und es sind viele Gäste, fast 100 hat Märtha ausgerechnet!
Es wurden Hühner geschlachtet, Torten gebacken und alle möglichen Sorten von Keksen gebacken, damit alle satt werden. Vater hat sein gutes Bier gebraut, und die Mutter hat viele Schüsseln mit der köstlichen Süßspeise „Schwedisches Himmelreich“ gefüllt.
Und genau das haben die beiden Mädchen beobachtet…  Die Mutter hatte die Schüsseln in den Erdkeller gestellt, wo es wunderbar kühl ist, auch im Sommer. Dann hatte sie die Tür abgeschlossen und den Schlssel ganz sicher versteckt… Die beiden Kinder kennen ihre Mutter und deren kleinen Geheimnisse, und Marie, die jüngere, hatte das Versteck schnell entdeckt: unter der Zuckerdose fand sie den Schlüssel!
Spät abends, als es im Haus ganz still war, schlichen die beiden Abenteuerinnen auf Pantoffeln in den Erdkeller. leise, leise, damit keiner sie hört! Märtha trug eine Kerze im Glas und Marie den verheißungsvollen Schlüssel. Leise, ganz leise hat Marie aufgeschlossen und beide haben den Duft des Desserts eingesogen – oh, wie lief ihnen da schon das Wasser im Munde zusammen!
In der Aufregung hatten sie den Löffel vergessen  – egal, es geht auch mit dem Finger. Beide tauchten genüßlich ihre Zeigefinger in die untere Schüssel – ah lecker und so wunderbar süß!  Und gleich noch einmal eingetaucht! Märtha wollte eine Schüssel herunter heben, damit sich die halbflüssige Speise wieder über den Löchern , die die Finder hinterlassen hatten, schließen konnte.
Da passierte das Unglück: das untere Brett mit mehrerenSchüsseln kippte und mit großem Getöse gingen die Schüsseln zu Boden.
Da lag die herrliche Creme am Boden, die Gefäße entzwei gebrochen!
Durch den Lärm wurde die Mutter herbeigerufen: „Was macht ihr denn hier?“ fragte sie überrascht. Und dann fiel ihr Blick auf das Chaos am Boden. „Oh, das gute Dessert!“ jammerte sie und „Das darf doch nicht wahr sein!“
Die Mädchen wurden ins Haus beordert, die Mutter machte sich ans Aufräumen. Die vielen Scherben und vor allem die guten Zutaten – was für eine Verschwendung!
Zur Strafe mussten die Mädchen am nächsten Tag vor dem Hühnerstall sitzen, als das große Festessen begann.
Zwar trugen sie ihre hübschen neuen Blusen, die die Mutter für die Hochzeit der Schwester geschneidert hatte, und sie durften ihre Bernsteinketten tragen, ebenso die blau-seidenen Haarbänder – aber von der Hochzeitstafel waren sie verbannt, das sollte ihre Strafe sein!
Trotzdem, so recht schuldbewußt sehen die beiden nicht aus: Märtha blickt trotzig weg, und Marie denkt im Stillen an das nächtliche Abenteuer. Da verzichten sie doch gerne auf das langweilige Festessen, und Marlies wird ihnen sicher etwas aufheben von den guten Sachen!

KIRUNA

 

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Papas (Ein-)Stellungswechsel
Das ist jetzt total doof! Wir haben die ganze Zeit so viel Spaß gehabt. Alle meine Freundinnen waren in derselben Kindergruppe. Und meine Schwester Paula hat nicht genervt, die hat mit den Kleinen in der Bambinigruppe gespielt. Und nun sitzen wir wieder hier zu Hause mit unserer Hausdame und langweilen uns. Das kann ja noch Stunden dauern, bis sie das Bild zu Ende gemalt hat. Paula ist auch ganz traurig, dass wir nicht mehr in den Kindergarten gehen dürfen. Ich verstehe Mama und Papa nicht. Sie waren doch so froh, dass sie noch zwei Plätze im Kindergarten erhalten haben. Papa hat uns morgens vor seiner Arbeit in den Kindergarten gebracht und Mama hat diesen komischen Töpferkurs besucht. Den ganzen Tag konnten wir spielen und malen und basteln. Alle waren so nett. Aber mir kam das gleich so komisch vor, als Papa mich und Paula mitgenommen hat zu diesem mürrischen Mann in das verstaubte muffige Büro. Wie Papas Augen auf einmal leuchteten. Verstanden habe ich nichts. Papa hat mehrere Papiere ausgefüllt und unterschrieben. Dann hat er sich immer wieder bedankt und wir sind vorbei am Kindergarten nach Hause gefahren. Die Papiere hat Papa auf seinen Sekretär gelegt. Auf dem ersten Blatt stand ein Wort, dass ich noch nie gehört habe. Elterngeldantrag!

JHanik

 

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Dritte Sitzung

Öl dauert ewig bis es trocken ist
die drei Kinder meiner Schwester
können nicht lange stillsitzen
Stine und Emma waren geduldig
… immer und immer wieder
aber der kleine Max, der sich an
Stine kuscheln soll, ist viel zu unruhig
… ein echter Wildfang …
ständig ist er auf und davon.
Ich werde ihn nachher kurz skizzieren
und morgen früh einfach dazu ins Bild
setzen.
Dann bedarf es vielleicht einer letzten
Sitzung für letzte Korrekturen.

„Max, komm her und setz´  dich neben Stine“
~“och nö, ich mag gerade nicht“
„Jetzt mach schon, es gibt zur Belohnung
für alle am Schluss ein Karamellbonbon“
~“na gut, wenn das so ist … dann komme ich“

Also…. es geht doch …
„Nun aber flott, bevor das Licht verschwindet….“

         „Emma, Max, Stine…. Essen ist fertig !
         schalt es aus der Küche.

…. och nö, wie soll man da denn in Ruhe malen …

Sonnenmondin

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Sie sehen beide am Maler vorbei auf einen Gegenstand oder ein Person in der Ferne. Maria und Paula, von Mutter in die Sonntagskleider gesteckt, mit Kette und Band geschmückt, warten auf das, was sich nun ereignen soll.
Die Wangen gerötet von der Eile, zu der Mutter sie trieb – oder wegen der aufregenden Dinge, die nun geschehen sollen?
Erwartungsvoll-skeptisch erscheinen sie mir. Die innere Spannung beider Mädchen ist auf ihren Gesichtern zu lesen. Das ältere Mädchen befindet sich ganz im Mittelpunkt des Bildes, vielleicht geht es um sie, ist deshalb die Kleinere an den Rand gerückt?
Hat das junge Mädchen sich vielleicht einfach dazu gesetzt, als nur die Ältere porträtiert werden sollte? Und hat der Maler seinen Auftrag falsch verstanden oder gar eigenmächtig die sich hinzudrängende kleine Schwester mit aufgenommen?
Vielleicht mochte er das lebhafte blonde Geschöpf sogar lieber als die fast ein wenig streng oder möglicherweise sogar kritisch blickende ältere Schwester? Deren offenbar ungekämmtes Haar wurde vom Künstler ohne Beschönigung dokumentiert. Fast scheint ein strahlender Kranz aus Licht das Gesicht des jungen Mädchens zu umgeben, stark kontrastierend zum Schattenwurf der älteren Schwester.
Ein heller Kranz, der die Kleine in die Mitte des Bildes zu rücken versucht, vergebens, aber der Betrachter versteht. So rückt das ältere Mädchen leicht an die Seite, der Mittelpunkt verschiebt sich, das feiner gezeichnete Gesicht der Jüngeren zeigt Wirkung.
„Verschiebe den Rahmen nach rechts!“ möchte ich rufen, „Sie fällt sonst heraus!“. Aber in der Ausstellung herrscht Sprechverbot.
Hier scheint die Wirkung von Menschen auf Andere im Kopf des Betrachters eigenartig erscheinende Effekte zu bewirken.
Ich löse mich von dem Bild. Das ältere Mädchen ist im Mittelpunkt,
und das ist gut so.

U.N.

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Mama will ein Bild von uns, hat sie gesagt… und nun sitzen wir hier vor der weißen Wand und warten auf den Fotografen.

Hübsch sollten wir uns machen. HÜBSCH! Der Ausdruck alleine macht mich schon ganz ärgerlich. Was heißt  hübsch? Die gleichen Blusen, die gleichen Ketten? Ist das schon hübsch? Meine Schwester und ich sind uns so ähnlich wie der Tag und wie die Nacht – da helfen auch gleiche Klamotten nicht.

Doch wenn Mama ein Bild von uns will, dann soll sie es eben bekommen. Ich gebe zu, ich bin etwas genervt. Viel lieber würde ich jetzt mit meinen Freunden zusammen sein, doch Mama will ja ihr Bild haben.

Ich setze mich also hier an diese weiße Wand in die Mitte. Meine Schwester drückt sich zaghaft neben mich. Sie ist immer die kleine Süße und ich die große Erwachsene. Ha, ha … aber wenn ich alleine ausgehen will, bin ich komischerweise noch zu jung dazu. Wer soll das verstehen?

Meine Schwester würde lieber in der Mitte sitzen, das merke ich wohl. Ich rücke aber hier nicht weg. Wäre ja noch schöner.

Da kommt der Fotograf und gibt Anweisungen. Ich soll ihn ansehen und lächeln. Will ich aber nicht. Meine Schwester hält sich natürlich brav an die Anweisungen und schaut ihn direkt an. Hoffentlich ist er bald fertig. Es wird noch an den Blusen gezupft und die Köpfe in Position gerückt. Als er auf den Auslöser drückt, schaue ich doch schnell zur Seite. Schließlich ist das meine Sache, wohin ich schaue.

Der Fotograf ist noch nicht zufrieden mit dem Bild und macht noch ein paar Schüsse bis er entnervt aufgibt. Ich sehe immer zur Seite.

Das Bild ist gut, sagt meine Mutter. Er war ihr klar, dass ich mich nicht an die Anweisungen halte, sagt sie. Sie ist zufrieden und ich bin noch genervter. Immer hat sie das letzte Wort. Jetzt hängt das Bild an der Wand und alle sind begeistert.

Was für ein hübsches Bild, hört man immer wieder. HÜBSCH? Na, ja…

Sabine Müller  

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Einer der wenigen warmen Tage dieses Sommers. Ideal, um endlich das Porträt zu beginnen. Lene und Ada sitzen vor der weißen Mauer. Die Mauer vom Haus der Großmutter. In den gleichen Kleidern, die sie auch trugen, als die Großmutter fünfzig wurde. Solange ist das noch gar nicht her. Lene ist immer noch sehr aufgewühlt. Nicht, weil die Großmutter weg ist, sondern wegen der Art, wie sie verschwand. „Ich will noch was von der Welt sehen“, das war das Einzige, was Lene verstanden hatte. Von all den anderen langen Erklärungen aus dem Brief war nichts in ihrem Gedächtnis hängen geblieben. Nun saß sie zusammen mit Ada hier vor der weißen Wand. „Blauauge nach rechts, Blauauge nach links.“ So hatte der Maler Lenes Schwester herumkommandiert. Er hatte deutlich gesagt, dass er das Bild nur der Großmutter zum Gefallen malen würde. Als er Ada schließlich rechts platziert hatte, war Lenes Platz links. Vom Maler aus betrachtet. Und weil er eben fand, dass die Großmutter nicht ausreichend Geld für das Porträt da gelassen hatte, wollte er ein Drittel des Bildes nur die weiße Wand malen.

Lene blickte in die Ferne. Wo Großmutter Luise wohl war? Nein, sie würde jetzt nicht weinen, es war schon genug, dass Ada immer wieder schluchzte und kaum die Tränen unterdrücken konnte. Schließlich mussten sie doch heute nicht arbeiten. Dafür war sie der Großmutter und dem Maler dankbar. Großmutter musste ihn gut gekannt haben. Es gab so vieles, was Großmutter gekannt hatte, was Lene nie gewusst hatte. Wie war das möglich? Wo sie doch die letzten zehn Jahre unter einem Dach gelebt hatten. Die Bernsteinketten, die sie und Ada trugen, waren Großmutters. Oft hatten sie die Schatulle an einem der langen Winterabende hervorgeholt und die Ketten befühlt, staunend bewundert und liebevoll poliert. Die Kleider aus dem steifen Soff mit dem roten Muster, die sie heute trugen, hatte Großmutter ihnen erst dieses Frühjahr genäht.

Vierzig Tage war der fünfzigste Geburtstag der Großmutter nun schon her. Vielleicht würde Lene die Großmutter nie mehr wieder sehen. Warum nur hatte sie verfügt, dass sie und Ada hier saßen und ein Porträt von ihnen gemalt wurde? Lene würde heute noch viel Zeit haben, darüber nachzudenken. Doch sie wusste schon jetzt, dass dieses Bild ein letztes großes Geschenk der Großmutter an sie und Ada war. Eine Erinnerung an das Leben vor dem Erwachsenenwerden. Eine Erinnerung an die Großmutter, die weggegangen war, um das zu tun, was sie noch zu tun hatte. Und Lene beschloss, so würde auch sie ihrem Leben im Alter eine letzte Wende geben.

 

L. Reichel

 

 

 

 

 

 

 

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