Paul Huet: „Waldweg“ (Waldinneres)

Wald_Huet

 

Der Luchs oder das Schicksal

„An der Scharfgarbe sind wir vorbei und an den sieben Buchen. Dort muss die Eiche sein.“ Der Bauer blickt gerade aus, blinzelt kurz und presst die Hand des Jungen fester. „Versprochen habe ich es dem Luchs, versprochen.“
Dem Jungen laufen Tränen über die Wangen.
„Der Luchs ließ mir keine Wahl.“
Der Junge stolpert über eine Wurzel. Fängt sich wieder.
„Jetzt trödel nicht. Was soll ich machen. Habs versprechen müssen. Sonst wäre es aus gewesen mit mir und dem Hof. Und dem Wald.“
Der Junge und starrt auf den Weg zu seinen Füßen. Blind vor Tränen. Er will nicht auf ein Hölzchen treten oder in ein Loch. Nicht wanken und nicht stolpern. Will die Füße so schnell und fest setzen wie der Bauer.
„Dort, da ist sie. Das muss sie sein. Siehst du den Luchs? Siehst du seine Augen funkeln?“
Der Junge blickt auf. Etwas glitzert im dunklen Untergestrüpp. Er bleibt abrupt stehen. Der Bauer zerrt an seiner Hand, so dass der Junge fast hinschlägt.
„Ich kann nichts machen. Komm. Es wird schnell gehen. Was bist du für ein Angsthase. Dem Schicksal kann man nicht entweichen. Und das ist nun mal deines. Ich musste mich entscheiden. Und habs getan. Er oder ich. Ich oder du.“
Der Junge schluchzt.
Dann stehen sie vor der Eiche. Der Bauer läuft um die Eiche, lässt den Jungen nicht los. Der Junge läuft hinter dem Bauern.
„Wo ist denn das Viech?“
Der Bauer schreit. Er tobt. Er schlägt gegen den Baum, tritt gegen den Stamm, hämmert mit den Fäusten gegen die Rinde.
Der Junge ist einen Moment frei und rennt ins Unterholz. Er kriecht ein Stück ins Dunkel. Ist still. Atmet leise. Dann spürt er einen warmen Leib neben sich. Der Luchs schaut ihn an.
„Wo bist du?“, schreit der Bauer. Er flucht.
Der Junge zittert. Dann schaut er dem Luchs in die Augen:
„Ich bin der, den du willst.“
Der Luchs schüttelt den Kopf.
„Ruf den Bauern her. Der Bauer hat es selbst gesagt: Dem Schicksal kann man nicht entkommen.“
Der Junge sieht dem Luchs tief in die Augen. Lange.
Dann ruft er zum Bauern: „Hier!“

Lisa Barth

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Es war einmal ein Waldweg. Umsäumt von alten knorrigen Eichen lebte er glücklich und zufrieden vor sich hin. Er freute sich auf den Tag, er freute sich auf die Nacht, er liebte die Menschen, er liebte die Tiere, er liebte den Regen, er liebte die Sonne. Nur den bösen Donner, den fürchtete er. So geschah es eines Jahres, dass es blitzte und donnerte. Dem Waldweg gruselte, des nachts plagten ihn Alpträume. Nach mehreren Donnerwochen war er mit seinen Wegeskräften am Ende.
„Ich höre auf, ein Weg zu sein, der Donner hat mich fertig gemacht.“
Ein Eichhörnchen hörte seine Worte und dachte sich:
„Das geht doch nicht, ein Wald ohne Weg ist kein richtiger Wald, da will ich mir doch mal sofort etwas einfallen lassen.“
Schwups war das Eichhörnchen auf der ältesten Eiche des Waldes verschwunden. Von hier aus konnte es Kontakt aufnehmen zur Göttin der donnerfreien Ebene.

Die Göttin der donnerfreien Ebene hörte sich alles an. Angerührt von den Worten des Eichhörnchens begann sie an einem Rettungsschirm zu stricken. Masche für Masche entstand auf ihrer Rundstricknadel. Mit rot, gelb und blau strickte sie ein Donnerauffangnetz. Das Eichhörnchen half beim Aufspannen. Gleich der nächste Donner verfing sich in den Maschen und konnte seine Donnerkraft nicht mehr entfalten.

Sprachlos vor Glück entspannte sich der Weg. Von nun an war er wieder ein glücklicher Weg. Bereitwillig und frohen Herzens legte er sich den Waldbesucher_innen unter die Füße.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann kannst du auch morgen noch einen glücklichen Waldweg erleben.

Irene Rodewald

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Ein Märchen 

Es war einmal ein Mädchen, Ludmilla mit Namen, die Tochter eines hohen Umweltpolitikers. Sie litt sehr unter ihrem berühmten Namen, erwartete doch jedermann etwas Außergewöhnliches von ihr zur Rettung der Umwelt. Sie fühlte sich klein und unbedeutend im Vergleich zu ihrem heldenhaften Vater, der Schweine vor der Fabrikmast rettete.

Ludmilla wollte ihren eigenen Weg finden und begab sich auf die Wanderschaft, nur mit Zelt und Rucksack und wenigen Talern. Sie wohnte hier und dort, machte sich nützlich auf Bauernhöfen, in Kindergärten, Altenheimen und hatte ein offenes Ohr für die Sorgen der Leute. Die klagten z. B. über die EG-Richtlinien in der Landwirtschaft und wie mit ihnen ihr Leben immer schwerer wurde. Da erkannte sie, dass ihr Vater kein Retter war für die Leute und die Umwelt, sondern einer, dem es ganz und gar um seine Karriere ging.

Ludmilla fand Mitstreiter für ihren Plan, kleine Orte zu gründen, in denen die Leute,  alles was sie brauchten, selbst herstellten. Nun waren sie endlich nicht mehr abhängig von irgendwelchen politischen Regelungen und Gesetzen, die ihr Leben steuerten und in denen sie nur Figuren waren. In diesen Orten lebten Menschen, die ihr Leben selbst ganz und gar in die Hand nahmen – wie Ludmilla.

Gwyneth

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Die Baumbesetzer

Es waren einmal mehrere Waldschrate, drei an der Zahl. Diese Taugenichtse lebten in einer uralten altersschwachen Birke. Diese hatten sie handstreichartig vor vielen Jahren unrechtmäßig besetzt. Die Birke war vom vielen Auf- und Abrennen im Inneren ihres Bauches reichlich genervt. Und sie war es leid, täglich mit ansehen zu müssen, wie ihre Bewohner vorübergehende Wandersleute zu Tode erschreckten. Gerade eben noch hatten sie sich mit den aus Las Vegas zu Gast in diesem Wald weilenden Zauberkünstler Siegfried und Roy einen Schabernack erlaubt. Die feixenden Baumbesetzer bekamen kaum Luft vor Vergnügen über ihre neueste Albernheit. Auch heute hatte die alte Weiße, wie die Waldbewohner die knorrige Birke nannten, keinen Erfolg mit ihren Ermahnungen. Auch heftigstes Schütteln des Baumes vom Wurzelwerk bis in die Baumkrone beeindruckte diese militante Dreier-WG nicht. So begab es sich, dass eines Tages ein riesiger Kormoran auf seinem Weg in den Süden Zwischenstation in den Wipfeln der alten Birke machte. Baum und Vogel kamen ins Gespräch. Die Birke klagte dem gefiederten Besucher ihr Leid. Der Flattermann, schon viel herumgekommen in der Welt, gab der geplagten Birke den Rat, die Waldschrate zu ihren vermeintlichen Verbündeten zu machen. „Interessiere dich für ihre Streiche, frage sie nach ihren tollsten Albernheiten und wovor sie selbst am meisten Angst haben. Und dann schlage sie mit ihren eigenen Waffen.“

Einige Tage später – der Kormoran war der Einladung der Birke gefolgt und hatte es sich für einige Zeit im Laubwerk bequem gemacht, kannte die Birke die Achillesferse der Baumanarchisten. Während eines Besuches des königlichen Großwildgeheges, so erzählten diese, seien sie vom Gebrüll eines weißen Tigers in Angst und Schrecken versetzt worden. Kreidebleich und mit schlotternden Knien hätten sie das Gehege fluchtartig verlassen und Tage gebraucht, sich von diesem Schreck wieder zu erholen. Die Birke erinnerte sich daraufhin an den Schabernack, den ihre Besetzer vor einigen Tagen mit den Gästen aus Las Vegas getrieben hatten. Und ihr fiel ein, dass diese beiden Zauberer aus dem fernen Amerika gewöhnlich immer ihr Haustier, den weißen Tiger, bei sich führten. Der Kormoran versprach, nach den Beiden Ausschau zu halten. Als Gäste des Königs im Schloss nächtigend waren sie schnell zu finden. Der Kormoran stöberte die beiden Illusionisten im Schloßgarten beim Baseballspiel mit ihrem weißen Lieblingstiger auf. Auf Leihbasis überließen sie dem imposanten König der Lüfte den König der Wälder. Nun musste nur noch eine geeignete Gelegenheit gefunden werden, die Idee in die Tat umzusetzen. Die alte Weiße wusste, dass ihre ungebetenen Gäste gerne vor Beginn der Waldnachrichten ein kleines Nickerchen einlegten. Und so postierte sich der weiße Tiger am Abend vor dem Eingang der Birke, holte sehr tief Luft und brüllte in das Innere des Baumes hinein. Viele Jahre später wurden die drei ehemaligen Baumbesetzer in einem fernen Meer bei der Besetzung einer Bohrinsel erwischt und verhaftet – sie waren immer noch kreidebleich und ihre Haare standen ihnen zu Berge.

JHanik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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