Fritz Mackensen: Der Säugling

Mackensen_Säugling

MOORMADONNA (1)

Mein Kind.
Du und ich.
Wir.
Geschlossenen Auges
Strömt still Kraft
Von mir zu dir.
Wirst bald doch entwachsen
Dem innigen Einssein,
Vergessen dies Paradies.
Nimm mit dann die Liebe,
Die heut mir entfließt.

MOORMADONNA (2)

Schmutziger Karren
Tief eingesunken
In Morast des Moores
Wird zum Thron der Reinheit
Für Mutter und Kind.
Nichts rührt sie
Und nichts ficht sie an.
Keusche Klarheit.
Heiliger Augenblick.

Raphaela

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Ach Kleiner

Ach Kleiner,
komm
lass uns
~ eine Mahlzeit lang ~
tauschen

Du erinnerst mich
an Nie-Erlebtes

Ich würde mich
gar zu gerne
so nähren lassen …
das schmecken,
was du gerade schmeckst
und so inniglich
an Mutters Busen liegen

Satt werden
gehalten sein

Ihre Nähe
und ganze liebevolle
Aufmerksamkeit
erfahren dürfen …

Ach Kleiner,
komm
lass uns tauschen
… nur dieses eine mal…

Sonnenmondin

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1.)
Sie ist müde.
Den ganzen Tag geschuftet und jetzt noch das Kind versorgen!
Sie ist ausgelaugt und ihre Geduld ist überstrapaziert.
Ihr Mund ist hart und bitter.
Jedes Jahr ein Kind, von dem man nicht weiß, ob es groß wird!
Sie liebt es erst, wenn es laufen kann, dann weiß sie: es wird leben.
Zwei hat sie schon begraben, zwei kleine Knaben.
Die Winter im Moor sind hart, die Nahrung ist knapp.
Jetzt wiegt sie ihr Mädchen im Arm.
Anna ist zwei, und sie ist eine Kämpferin.
Sie wird leben, das ist klar.
Die Mutter reibt sich die knochigen, schmerzenden Hände.
Dieses Kind liebt sie entschlossen ins Leben.

2.)
Ich bin eine gesunde junge Frau.
Vor drei Jahren kam ich mit Jan ins Moor.
Die ersten beiden Winter waren lang und dunkel.
Wir hatten kaum noch etwas zu essen.
Das Lampenöl ging aus, der Torf war feucht und brannte schlecht.
Ich bekam unseren ersten Sohn im November,
und kurz vor Weihnachten war er des Nachts erfroren.
Ich konnte kaum weinen, ich kannte ihn ja kaum.
Dann, im zweiten Sommer, kam Knut.
Er war groß und forderte viel von mir.
Anfangs nahm er zu und ich überlegt mir schon, ob ich ihn lieben sollte.
Im Frühling bekam er Durchfall und starb schnell.
Jetzt hab ich die kleine Anna.
Es sieht so aus, als ob sie bliebe…

KIRUNA

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1.
Ich verbrenne.
Die Kehle, der Hals, die Lippen.
Meine tote Brust hängt an deinem Mund.
Ich erinnere mich, dass ich lebte.
Bevor ich morgens seinen Acker betrat.
Bevor ich mittags zum Kochen in die Küche musste.
Bevor ich abends nach dem Stall in seinem Bett starb.
Und am Morgen den Karren belud und seitdem nur noch trinken will.
Trinken, bevor ich verbrenne.
Trinke du, mein Kind, aus der gestorbenen Brust und dem gestorbenen Körper.
Er wird nicht mehr trinken.
Aber du.
Du wirst.

2.
Sie stellt den Karren ab und setzt sich.
Das Kind auf dem Arm weint stumm.
Sie knöpft sich die Bluse auf.
Während das Kind zu saugen beginnt,
schließt sie für einen Moment die Augen,
um den Schmerz zu spüren.
Um die trockenen Augen zu schützen.
Um in sich zu gehen.
In eine andere Zeit.
Das Kind trinkt.
Sie lässt ihre Augen geschlossen, spürt weder ihre Brust noch die Kälte.
Nur den Hals und die Zunge und den Durst, der in ihr brennt.
Der Torf knirscht unter den Holzschuhen, als sie sich erhebt.
Das Kind schläft satt in ihren Armen.

Lisa Barth

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Früher oder später

So hatte ich es mir mein Leben nicht vorgestellt! Rund hundert Jahre später würde man meinen heutigen gesellschaftlichen Status Alleinerziehende nennen. Ich wüsste dann, dass man mich Rabenmutter schimpfte, ginge ich nach der Geburt wieder in meinen Beruf zurück. Bliebe ich zu Hause, würde ich als faul und bequem bezeichnet werden. Am Arbeitsmarkt interessierte sich kein Arbeitgeber für meine Nöte. Teilzeitjobs und Teilzeitausbildungen wären so schwer zu finden, wie ein liebender Vater für dieses Kind. Hätte ich einen Job gefunden, bliebe immer die Angst, dass das Kind krank würde und von mir betreut werde müsste. Ob ich dann meinen Arbeitsplatz noch behielte, wäre ungewiss. Die mittägliche Verabredung mit der Freundin entfiele, weil die verlässliche Grundschule um dreizehn Uhr die Tore schließt. Einen Hortplatz hätte ich nur sicher, wenn ich einen Vollzeitjob nachweisen könnte.
Ich wüsste aber, dass  sich der Arbeitsmarkt nicht am Beginn eines Kindergartenjahres orientieren wird. Die Wochenenden wären geprägt von der Gewissheit, allein mit Kind zu sein – Tagesmütter haben auch Wochenende.

Was beklag ich mich – mein Glück liegt hier auf meinem
Schoß – und meine Zukunft liegt im Moor!

J. Hanik

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Du siehst aus wie dein Vater, wenn er schläft.
Mit deinen Geschwistern habe ich schon genug Arbeit.
Dann kamst noch Du.
Nun sitze ich hier mit sieben Kindern in einem Dorf im Moor.
Habe für euren Vater meinen Platz an der Lehrerbildungsanstalt aufgegeben.
Was soll es, ich habe es so gewollt.
Habe ich das wirklich so gewollt?
War es nicht eher eine Entscheidung meiner Mutter, die diesen Torfbauern so nett fand?
Jetzt sitzt er ständig im Wirtshaus mit seinen Freunden.
Die Pflege seiner Eltern überlässt er mir noch dazu.
Nein, mein Sohn, ich weiß nicht, ob ich dich wirklich mag.
Du gehörst zu einem Leben, das ich so nicht wollte.
Aber eines Tages, vielleicht…

U.N.

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Hab doch Lesen und Schreiben gelernt.
Hat meine Mutter dafür gekämpft.
Und doch sitz ich hier, wie sie saß, und geb der Kleinen Milch.
Und dann stech ich weiter.
Diesen Winter fang ich an zu Schreiben, meine Gedankenmeere.
So viele Gedanken habe ich, dass mein Kopf davon platzt.
Manche sind so schön, andere so klug, andere ganz schrecklich.
Der Himmel ist so weit.
Weite in mir drin.
Die raus will.
Trine, jetzt ist gut, ich muss weiter.
Hier, spiel mit dem Torf da drüben, bau uns ein Schloss.

Da saß sie nun.
Genau wie ihre Mutter vor ihr.
Und die anderen Frauen.
Gnädig war das Land noch nie gewesen.
Hart war es, aber auch weit, weiter Himmel.
So viele Gedanken gingen ihr Tag für Tag und Jahr für Jahr durch den Kopf.
Immer dringlicher wurde das Bedürfnis, sie festzuhalten.
Schreiben; das hatte sich vor langem in ihrem Kopf eingenistet und wollte nicht mehr gehen.
Diesen Winter, wenn alle anderen schliefen, würde sie anfangen.
Bis dahin waren es noch viele Wochen harter Arbeit.
Sie nahm das Kind von ihrer Brust.
‚Spiel da drüben, bau uns ein Schloss‘, sagte sie zu Trine.
Dann nahm sie den Torfstecher und machte weiter.

L. Reichel

….

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