August Macke „Russisches Ballett“


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Abgang mit Applaus

Du Schuft! Hoch und heilig hattest du mir versprochen,
sie nie wieder sehen zu wollen. Und ich habe dir geglaubt.
Dabei siehst du sie nicht nur, sondern spürst sie auch noch.
Und das vor all den Leuten.
Deine lächerliche Maskerade wird nur noch von ihrer vorgeblichen
Hingabe übertroffen.
Und das soll Kunst sein? Dieses alberne Getrippel auf den Zehenspitzen?
Beleuchter am Theater seiest du, hast du mir gesagt.
Ich sehe nur einen erbärmlichen Armleuchter.
Und eine Leuchte scheint sie auch nicht zu sein, was man so hört.
Wie ich mich Dir hingegeben habe, meinen Körper dir geschenkt.
Das Letzte was du nun noch von mir geschenkt bekommst, ist der Laufpass.
Und als letzten Akt deinen Koffer. Er wird mein Applaus für dein Schmierentheater sein.
Direkt vor deine Füße werde ich ihn dir werfen. Stürzest du dabei in den Orchestergraben, hätte dein Auftritt wenigstens noch ein Happy End –
für mich.
JHanik

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Bühnenbild in Farbe
der Vorhang geöffnet
den Blick ausgerichtet
sie tanzen drehen kreisen
es tanzen die Paare
es tanzen die Gedanken
es drehen die Farben
es drehen die Beine
es kreisen die Köpfe
es kreisen die Arme
tanzen drehen kreisen
drehen kreisen tanzen
wie gern wär ich dabei
tanzend drehend kreisend
die Tänzerin in Weiß
das war ich
bis die Krankheit
mir nahm die Kraft
tanzen drehen kreisen
noch ist Zeit
noch bin ich hier
ein Blick zur Bühne
sie tanzen drehen kreisen
vorbei das Spiel
vorbei der Tanz
der Vorhang fällt

Irene Rodewald
März 2013

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Kunst! Dass mein Chef mich zwingt, so was Dekadentes anzuschauen. Der ganze Abend ist hin! Wie lange dauert das denn noch? Und dann sitzt er hinter mir und starrt mir Löcher in den Rücken. Als ob mein enger Kragen nicht schon genug wäre! Ich könnte jetzt so schön mit den anderen draußen in Pankow schwofen. Wo das doch nur einmal im Monat ist. In diesem wunderbar versteckten Gartenlokal am Ende der Welt. Und ich bin heute nicht dabei. Schrecklich, was für Verrenkungen die da vorne machen. Gut, das Farbenfrohe finde ich aufbauend, na ja, wenn alles anders wäre, gar nicht so schlecht. Will der eine da nicht den anderen eifersüchtig machen? Was ich da wieder sehe! Wer wohl auf solche Gedanken kommt. Und dieses Bühnenbild! Muss aber doch schön sein, so was zu arbeiten. Auf jeden Fall anregender, als den ganzen Tag lang für so einen Schnösel wie den Ritter. Jawoll, Herr Ritter. Gleich, Herr Ritter. Wie meinen, Herr Ritter. Wenn der wüsste! Am Ende sind die anderen neidisch auf mich, dass ich hier im russischen Ballett sitzen kann! Aber verstehen tu ich das nicht, was da vorne gespielt wird. Hauptsache, ich entkomme dem Ritter gleich nach der Vorstellung. Vielleicht sollte ich vorgeben, dass mir ganz übel ist. Ach was, ist ja nur einer von vielen Samstagabenden. Ist das da links vor mir nicht Adele? Da, mit dem extravaganten Hut. Hallo, Psst, Adele, Adele. Ja, sie ist es! Wie schön, dann kann sie sich nach der Vorstellung zu uns gesellen und damit wäre dann mein baldiges Abschiednehmen geregelt. Nun aber noch mal auf die Bühne konzentrieren. Scheint ja recht durcheinander zu gehen. Wie im wirklichen Leben.
L. Reichel

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~ Lieblich werde ich jetzt lächeln ~
dafür hat das Publikum bezahlt,
das so zahlreich erschienen ist,
aber mein Partner hat schon wieder
diese Knoblauchfahne…
wie nah er mir jedes mal kommen muss
beim Tanzen ~ ekelhaft

~ Lieblich werde ich jetzt lächeln ~
auch wenn er mir zu wider ist,
ich weiß doch da oben in der Loge
die Dame mit dem roten Kleid mit
passendem Hut, ist in dieser Stadt
sein Gschpusi und dennoch schmachtet
er mich an und das seit dem er den erkrankten
Rudolph N. vertreten darf.
„Komm mir bloß nicht zu nah“,
zische ich…
„ach, hab dich nicht so, meine Schöne“
„wenn du nicht sofort aufhörst trete ich dir
rein zufällig gegen dein Schienbein“
„oh, du meine Wilde“

~ Lieblich werde ich jetzt lächeln ~
warum kommt der Harlekin
mir nicht zu Hilfe…
der hebt nur seine Arme
und säufst leise vor sich hin…

Jetzt ~ jetzt bei der letzten Figur …
ja… bei der aller letzten Drehung ist meine Gelegenheit

~ Hurra ~ ich habe ihn getroffen…

Das Publikum applaudiert und merkt kaum,
das er sich so plötzlich und viel zu früh verneigt…
nur die Dame in Rot wird ihn sicher nachher
ausgiebig trösten müssen …

~ Lieblich werde ich jetzt lächeln ~

Sonnenmondin

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Elvira war aufgeregt. Es war das erste Mal, dass sie ins Theater ging. An die Karte war sie ganz zufällig gekommen. Ihre Freundin Maja war krank geworden und hatte sie gefragt, ob sie an ihrer Stelle ins Theater gehen wolle. Was für eine Frage? Natürlich wollte sie.
Nun saß sie hier und genoss die Atmosphäre, die Musik, die Show. Ein wohliges Kribbeln durchfuhr ihren Körper. Sie konnte nicht genug von den vielfältigen Eindrücken bekommen: die schönen Kleider der Damen und Herren im Publikum, das bunte Treiben auf der Bühne, die Clowns die ihre bizarren Späße machten und dennoch zu Tränen rührten.
Elvira schloss die Augen und wurde Eins mit den Schauspielern, tanzte in Gedanken mit dem Harlekin. Sie bewegte sich anmutig zu dem Rhythmus der Musik, gurrte Koseworte, kokettierte mit dem weißen Clown im Hintergrund. Sie fühlte sich so lebendig, vergaß den grauen Alltag. Sie war hier, sie war ein Star. Dieses Gefühl konnte ihr keiner nehmen. Auch als sie schon längst wieder auf dem Weg nach Hause war, umgab sie noch der Hauch von Mystik und Zauberei.
Bald wollte sie wieder ins Theater, denn sie war infiziert vom Virus der Magie.

Sabine Müller

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Mit offenem Mund saß Katharina im Dunkel des Zuschauerraumes.
Sie starrte auf Oleg, den Tänzer.
Wie rhythmisch er seine Partnerin im Tanze wiegte, wie geschmeidig beide Körper sich bewegten, als seien diese, wie Katharina wähnte, schon lange ein Paar.

Sie merkte nicht, daß ihr Bruder Konstantin sie beobachtete. Er saß schräg hinter Katharina im Dunkeln und wollte seine Schwester bewahren vor diesem russischen Heiratsschwindler. Die Ländereien ihrer Familie standen auf dem Spiel.

Ob jene obszöne Aufführung auf der Bühne Katharinas Augen öffnete?
Würde sie ihn endlich verlassen, den unerwünschten Fremdling in ihrer ehrwürdigen Familie?

Konstantin hatte genug gesehen, immerhin wirkte Katharina empört über die würdelose Darbietung. Sie bebte nahezu.
Ein marionettenhaft-lebloser Harlekin schien neben dem umschlungen tanzenden Paar zu schweben, wie ein Erhängter.

Auch die traurig-starre Maske des tanzenden Mädchens ließ die Szene grotesk erscheinen. Konstantin schüttelte seinen Kopf und ging hinaus. Was drinnen weiter passierte, entging ihm daher.

Als er am nächsten Tag erfuhr, dass Oleg aus ungeklärten Gründen plötzlich zu Tode gekommen war, fühlte er etwas wie Genugtuung, aber auch Furcht.
Er kannte das böse Blinken in den Augen seiner Schwester.
Als Kind hatte sie ihn aus nichtigem Anlaß einmal beinahe erwürgt.

Als er seiner Schwester am Morgen im Gang begegnete, senkte er seinen Blick und schlich leise grüßend an ihr vorbei. Hatte sie ihn gegrüßt?
War sie nicht starren Blickes vorübergegangen?
Er war froh, dass alles so gekommen war mit Oleg, aber ein wenig Angst
spürte er auch.

Ulrich N.
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TANGO

Augen geschlossen
Leiber verschlungen
Versunken ins Jetzt
Nicht Ich mehr
NIcht Du
Und leichtfüßig
Verschmelzen
Zwei Seelen
In Augenblicksewigkeit

Raphaela

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Fjodor

Fjodor Fjodorwitsch, ich liebe deine Kunst,
deine Ausdruckskraft.
Und gleichzeitig muss ich so leiden,
wenn ich dich bewundern will.
Diese Qual, wenn du dich mit deinem Körper,
deinen Beinen kunstvoll an die Tänzerin schmiegst.
Sie verbrennt meine Freude.
Ich weiß, ich sollte dieses Gefühl nicht haben,
aber es überfällt mich wie eine Krankheit
und ich fühle mich so machtlos.
Warum glaubst du, trage ich dieses
liebesrote Blusengewand und diese blutrote Krempe?
Und warum stehe ich fast in meiner Stuhlreihe
mit entflammtem Gesicht?
Du sollst mich sehen und fühlen,
wenn du tanzt.
Manchmal gelingt es mir, in den Körper
der Tänzerin zu schlüpfen,
meine ganze Aufmerksamkeit, alle meine Gefühle
in sie hineinzulegen – dann
kommt es mir vor, als würdest du
mit mir tanzen.
Und ein köstliches Prickeln
rinnt durch meinen Körper.
Dann habe ich gesiegt.
Dann bist du wieder ganz mein. Fjodor.

Irene Jasca

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Die Dame in Rot

„Wieder einer dieser langweiligen Ballett-Abende! So ist das halt, wenn man ein Abo hat, da muß man eben mit, ob man Lust hat oder nicht, ist ja bezahlt, die teure Karte!!
Lieber wäre ich selber zum Tanzen gegangen mit IHM!
Jetzt sitzt er neben mir, beobachtet mich wahrscheinlich wieder.
Ich soll repräsentieren, er will mit mir angeben, alle sollen ihn beneiden, mich bewundern – wie ich mich langweile!!!“

Die Bühne ist hell,
drei Tänzer im Licht,
die zahllosen Zuschauer,
die sieht man nicht.

KIRUNA

 

 

 

 

 

 

 

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  1. Museumslyrik aus der Kunsthalle Bremen | Anke Fischer - 5. April 2013

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