Jules Pascin: Die beiden Schwestern

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Das Tannengesteck auf dem Tisch offenbart die Jahreszeit: es ist Advent.
Wieder einmal haben sie sich zum traditionellen Stollenessen verabredet.
Noch nie ist das Treffen ausgefallen und noch nie waren sich beide so sicher: dieses wird ihr letztes adventliches Beisammensein sein.
Der Blick in die Flamme lässt Lenchen, die jüngere der beiden Schwestern, nachdenklich werden. „Sie haben noch ca. ein Jahr, genießen sie es.“
Die Worte des Professors fahren in ihrem Kopf Karussell.
Wie sollte sie es ihrer geliebten Schwester mitteilen, die doch gerade so ganz andere Ziele verfolgte?
Ja, Singapur wird es sein, das hatte Mira ihr geschrieben, nachdem sie über zwei Jahre auf der Suche nach einem neuen Zuhause gewesen war.
Ein gemeinsamer Blick in die Kerze, die Flamme zuckt und züngelt, lodert auf, es knistert, sie droht zu erlöschen, doch wie durch ein Wunder erhebt sie sich wieder, wird stärker und nährt die Hoffnung auf ein Wiedersehen.
Vielleicht in Singapur?
Aber gibt es dort Advent?

Irene Rodewald, Dezember 2012

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Das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt…

wie ein Glucke legte sie gleich ihren Arm
auf die Lehne hinter mir ~
jeden Moment bereit zuzugreifen,
falls ich drohe davon zu stürmen
ja ~ genau das ist mein Bestreben
„davon stürmen“,
statt unter ihrer Fuchtel vor dem Maler zu verweilen.

Das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt…
ich dachte er wolle mich alleine malen
und nur mich.
So habe ich mir extra saubere Unterwäsche angezogen,
damit es mir nicht schinant sein muss beim Entkleiden,
aber die Schwester muss ja wohl überall dabei sein…
als „Oberaufpasserin“.

Das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt…
schließlich malt er wunderschöne Frauen
und mein Körper ist bereits so zart entwickelt,
dass er mit ein paar kleinen Pinselstrichen
selbst meine Rundungen hätte hervorheben können.
Jetzt sind sie im scheußlich-schwesterlichen Einheitskleid
mit viel Stoff verhängt und
nur weil sie die Ältere ist, mimt sie einen auf züchtig.

Das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt…
einmal mich auf dem Diwan räkeln und strecken,
verzückt an einer Blume riechen mit einem Hauch
von Seide um die Hüften,
einmal mich hingeben,
nur um mich malen zu lassen für die Ewigkeit…
allein dieser Augenblick kommt nie, nie wieder,
denn meine Süße und meine Träume
verwelken so schnell,
dann werde ich bald aussehen, wie du – meine Schwester –
mit erloschener Freude und Hoffnung im Blick
…. das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt….

Sonnenmondin

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Lodernde Ungewissheit
Welches Wort wird diese unerträgliche Stille durchbrechen?
Meine große Schwester Judith – sonst um ein Wort nicht verlegen.
Blicke verlieren sich in der Sehnsucht nach dem Später – endlich
weg von hier. Ihr zaghafter Versuch einer körperlichen Annäherung.
Ich kann nicht, bleibe ungerührt. Gemeinsame Leere beherrscht das Jetzt.
Wer ergreift das erste Wort, durchbricht die Gedankenverlorenheit?
Gefangen auch in Mutlosigkeit. Unfähig, dem Unaussprechlichen,
dem Ungeheuerlichen Gehör zu verschaffen. Es verrinnt die Zeit,
es verblaßt der Augenblick. Die Chance vertan, in Erstarrung verhaftet.
Der Moment verlässt die Bühne. Zurück bleibt Sprachlosigkeit.

Jürgen Hanik

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Er langweilte sie außerordentlich.
Sie saßen auf ihren Stühlen und hörten höflich zu.
Die Ältere legte den Arm auf der Lehne der Jüngeren ab.
Die Jüngere verschränkte die Hände im Schoß.
Noch eine Stunde, dann würde er aufstehen,
sich verabschieden und gehen.
Wie jeden Freitag Nachmittag.

Lisa Barth

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Ich lege den Arm um die Schulter meiner Schwester.
Sie ist jünger als ich und krank, sehr krank. Sie heißt Emalia, aber ich nenne sie Mali. Sie hat die Nachricht heute bekommen, dass nur wenig Hoffnung besteht.
Verlängernde Maßnahme, sagte der Arzt. Sie hat, wie ich auch, kranke Hände, eine Art Hautschorf, der an den Fingern anfing und sowohl Knochen wie auch Haut befallen hat.
Wie lieben es, uns gleich zu kleiden, man hält uns dann für Zwillinge, ohwohl ich mollig bin und Mali schlank.
Wir tragen nicht nur die gleichen Halsketten, sondern auch luftige, rosa Kleider, mit rundem Halsausschnitt, kurzen Ärmeln und sehr weitgeschnittene Oberteilen.
Es ist ein Sommertag. Wir wollten in der Papageienallee spazieren gehen, doch dann kam das Resultat vom Doktor.
Er rief höchstpersönlich hier an, und da Mali am Telefon war, sprach er mit ihr über ihr Krankheitsbild.
        Wir sitzen schon lange hier und schweigen.
Wir denken vielleicht dasselbe, wie es sein wird, wenn wir getrennt werden. Ich denke immerzu, ich bin bei dir und verlasse dich nicht, aber du sitzt da wie versteinert, atmest nur ganz leise und vorsichtig. Ich spüre deine Wärme durch den dünnen Stoff und denke, wenn du gestorben bist, werde ich auch noch eine Weile deine Körperwärme spüren. Plötzlich muss ich an die Schere und den großen Streit denken, den wir als Kinder hatten. Du konntest mich zur Weißglut reizen. Heute weiß ich nur noch, dass es um Buntstifte ging. Du hattest sie mit in die Schule genommen und darauf rumgekaut; fandest es nicht so schlimm, weder nicht gefragt, noch die Stifte zerkaut und zerfranst zu haben.
Blitze gingen hin und her.
Jede von uns wollte recht behalten, bis ich schrie: „Aber es sind meine Stifte!“ und da lachtest du wie ein Teufel
und ich schmiss die Schere nach dir.  Aber Gott sei Dank traf sie nur den Türrahmen und blieb darin stecken.
Dann weintest du.
Jetzt weint sie vielleicht auch, weint nach innen, als ob die Tränen im Innern stockten, trotzten.
Die Sonne in unserem Rücken ist untergegangen; der Himmel hat sich verfärbt. Mali streckt ihre Hände in ihren Schoß, die linke Hand hält die rechte, sie halten sich beide fest.
Ich werde Mali meine Kette schenken, wenn sie sich wieder bewegt und wieder spechen kann.
Christine Mattner
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