Niki de Saint Phalle: Broken Plates 1958

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Niki de Saint Phalle: Broken Plates 1958

Ich bin der Mittelpunkt der Welt. Das Symbol für Weiblichkeit und Mütterlichkeit. Hier im Zentrum kann der müde Held neue Kraft schöpfen, um dann männlich dominant neue Abenteuer in der Welt zu erleben. Doch nun ist alles zerschlagen. Nichts passt mehr zueinander. Du kannst die Teile nicht mehr hübsch brav zusammengerückt in dunkle Schränke stellen. Sie rufen: Wir sind Scherben; wir sind unnütz. An unseren scharfen Kanten kannst Du jederzeit Dein Leben beenden. Wir schicken Dich raus in die Welt und sind ab sofort unser eigener Trost.

Elke Müller 17.11.2012

Da sind sie versammelt,
die zerbrochenen Teller,
aus Porzellan, Keramik und Glas,
da sind sie versammelt
aus den Wohnungen, die ich hatte,
von den Orten, die kein Zuhause waren.
Da sind sie versammelt,
die zerbrochenen Teller.

Veronika Kornberger

Sie schloss die Tür hinter sich.
Die Stille des Morgens umfing sie und trug sie die Straße entlang.
Der Finger blutete noch in das Taschentuch.
Sie spürte die Wärme in die Manteltasche pulsen.
Sie folgte diesem Rhythmus mit ihren Schritten.
Bald würde das Blut versiegen, doch sie würde weiterlaufen.
Wenn der Schnitt längst verheilt wäre, eine dünnen weiße Linie die Haut zerteilte für die nächsten Jähre und die Sonne die Narbe dunkler färbte, würde sie weiterlaufen.
Einen Schritt vor den anderen setzen.
Bis die zerschundene Vergangenheit ihr letztes Teil in unlösbarem Beton versenkt hatte.

Lisa Barth

 

We´re  building it up, to break it back down. Linkin Park. Unverkennbar. Ständig im Radio. So auch in diesem Moment. Meine Augen weiten sich. Verengen sich wieder. Mein Atem wird schneller, ja, zusammengefügt und auseinander gerissen. Getöpfert, gebrannt. Dann geworfen, zerschmissen. Gesplittert, gebrochen. Zerstreut in alle Richtungen. Am liebsten Küchengeschirr, so springen die Fliesen gleich mit. Scherben aus blau und weiß. Denn in die Küche gehört blau-weiß. Friesisch. Oder Zwiebelmuster. Auch blau-wie. Bildet hier den Mittelpunkt.

Ich balle die Fäuste, Hitze steigt in mir auf. Meine aufkeimende Wut ergeht sich in meinem Geschirr. Wirble um die eigene Achse, um in alle Richtungen zu werfen. Zu schmeissen. Das gute, alte Blumengeschirr von Oma. Egal. Es muß dran glauben.
Reiße den nächsten Schrank auf. Mit einem Arm schiebe ich die Dessertschalen zu Boden.
Kann mich gar nicht beruhigen. Erst als es leise „pling“ macht und die graue Uhr auf Zwei stehen bleibt, zwinge ich mich zur Ruhe. Blinzle. Versuche einen tiefen Atemzug. Das Lied ist zu Ende. Die letzten Töne.

Sinke auf die Knie. Beginne zu weinen, erst leise, dann lauter, wie Bäche stürzen die Tränen aus meinen Augen. Meine Lippen beben. Ich stütze mich mit einer Hand auf. Schneide mich an einer Scherbe und ein kreisrunder Blutstropfen mischt sich zwischen die Splitter aus Porzellan.

Langsam erhebe ich mich und betrachte das Chaos des Inhalts meiner Küchenschränke.
Ich atme tief und durch und verhindere neuerliches Weinen. Bleibe mittendrin stehen und meine Augen füllen sich doch wieder mit Tränen. Ich blinzle erneut.
Aus den Scherben bilden sich Puzzleteile, die ich wieder zusammensetzen kann.

Schön wäre es. Ich löse mich, befreie mich aus meiner Küche  – und … und hole einen Besen.

Stephanie Mertens

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